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Es war ein kalter Wintermorgen, es war Montag und ich hatte die Nacht über nicht schlafen können.
Meine Augen wurden immer schwerer und ich legte mich auf mein Bett.
Das Fenster war schon seit Tagen geschlossen und trotz der Heizung zeigte das Zimmerthermostat nur 8,4°C an.
Ich verkroch mich unter meine Decke, denn selbst mit Pullover und zwei T-Shirts war es äußerst frisch. Die Sonne fiel mit eisig erscheinenden Strahlen auf mich und mein Bett und mir lief ein eisiges Gefühl durch den Körper.
Ein Blick auf meinen Schreibtisch verriet mir, dass es inzwischen nur noch 8,1°C und fast 10 Uhr war. Ich lag nun schon annähernd 2 Stunden hier, ohne zu denken und im nächsten Moment meldete sich mein Antivirusprogramm im PC zu Wort: Ein Virus wurde in mehreren Dateien gefunden, konnte aber nicht gelöscht werden, also schaute ich genauer nach und versuchte die Daten manuell zu löschen.
Mir fiel auf, dass ich diese Dateikürzel „.ice“ noch niemals vorher gesehen hatte, doch wurden sie von meinem Bildereditor als normale Dateien gehandelt.
Ich schaltete die Internetverbindung ab, aktivierte die Echtzeit-Schutz-Funktion meines Antivirusprogramms und öffnete eine dieser Dateien, bevor ich sie löschen wollte.
Zuerst wurde der Bildschirm schwarz, es erschienen Zahlen und Buchstaben auf der rechten Seite und kurze Zeit später erschien eine eiskalt anmutende bläuliche Farbe auf dem ganzen Desktop. Mich fröstelte es sehr, bei dem Anblick der Farbe und den vorherrschenden Temperaturen in meinem Zimmer, doch als sich plötzlich Gestalten aus der blauen Farbe formten, schaltete sich das Antivirusprogramm ein und es erschien wieder mein normales Hintergrundbild. Ich suchte nach allen 12 Dateien, die verseucht waren und löschte diese, bevor ich meinen Virenscan weiterlaufen ließ.
Ich legte mich wieder hin und schaute noch mal prüfend auf das Thermostat bei 7,6°C und direkt neben mir mein Wecker mit 10:18.
Endlich spürte ich wie meine Muskeln sich entspannten und ich langsam einschlief.

In einem Traum lag ich auf einer großen Decke mit einem Mädchen mit schwarzen Haaren, das ich niemals zuvor gesehen hatte inmitten einer großen, grün bewachsenen Wiese.
Sie sprach zu mir, doch ich hörte keine Worte, sondern nur Grillen und Vögel die gemeinsam musizierten. Es erschien mir fast, als könne ich sie nicht verstehen, weil ich ihre Stimme nicht wahrnehmen konnte. Ich stand auf und plötzlich umwehte mich ein eisiger Hauch.
Es war mit einem Schlag alles ausgestorben auf dieser Wiese, die sich inzwischen weißlich färbte. Das Mädchen war weg und ich war das einzige lebende Wesen hier inmitten der erstarrten Pflanzen. Reif überzog meine Schuhe und ich bemerkte wie sich das weiß der Wiese in das schrecklich kalte blau der Virusdatei umwandelte.
Ich erstarrte innerlich und hörte auf zu atmen, denn die Luft schnitt mir in die Kehle. Ein Blatt eines nahe gelegenen Baumes wehte zu mir herüber und legte sich auf meinen Mund. Es fror binnen einer Sekunde fest. Ich konnte nun überhaupt nicht mehr atmen und der einzige Wunsch, den ich in diesem Moment hatte, war wieder aufzuwachen.
Nach endlos erscheinenden Qualen, die ich ohne Sauerstoff zu durchleben hatte, erwachte ich, von Schweiß gesäumt.
Ein Taschentuch lag auf meinem Gesicht und ich hatte mich in meiner Decke verfangen, sodass es auch in der Realität schwer war, sich zu bewegen.
Ich pustete das Taschentuch herunter und schaute abermals auf meine Uhr.
Es war inzwischen 11:42 bei 3,2°C und einem leichten Nebelschleier über dem Boden meines Zimmers. Das Wasser kondensierte bereits über dem Boden und mir wurde klar, dass es beinahe Mittag sei, doch ich meines Wissens nichts mehr im Kühlschrank hatte, was man gerne bei diesen Temperaturen essen würde.

Ich ging, inzwischen in eine weitere Hose und einen weiteren Pullover gehüllt, Winterstiefel tragend, in die Küche und schaltete den Herd an, doch dieser zeige keine Reaktion.
Auch der Backofen ließ sich nicht aktivieren. Anscheinend wollte das Schicksal, dass ich verhungern würde, doch ich fand einen Rest Brot vom Wochenende in einer Schublade und schmierte mir eiskalte Marmelade auf eine Scheibe davon. Als ich die Marmelade zurück stellte, fiel mir auf, dass selbst im Kühlschrank eine angenehmere Temperatur vorherrschte als in der Wohnung.
Mit dem letzten Bissen des Brotes nahm ich meine Schijacke, etwas Geld vom Sideboard im Flur und zwei Kaugummis fand ich in meinen Handschuhen vor.
Kauend ging ich aus der Wohnung, schloss ab und bewegte mich in Richtung des Bäckers am Ende der Straße. Doch als ich endlich vor der Tür stand, fiel mir ein, dass es Ferien waren und die Bäckersfamilie auch außer Haus war.
Etwas getrübt machte ich mich auf den Weg zum Marktplatz, wo ich sieben Minuten später, zitternd vor Kälte, ankam und zum anderen Bäcker einkehren wollte.
Doch wie ich es nicht hätte besser erwischen können, war gerade Mittagspause, was ich leider auch bei den meisten anderen Geschäften und bei allen Lebensmittelläden feststellen musste.
Aus Frust ging ich weiter die Straße hinab, von der ich kam und plötzlich fiel mir ein warmer Lichtstrahl auf die Wangen. Ich schaute auf und sah hinter einem Schaufenster in einem kleinen Raum eine verhangene Lampe. Ich hielt an und realisierte endlich, dass dies ein Café ist, in dem es vielleicht noch etwas Warmes zu Essen oder Trinken gab.

Nach kurzem, unnötigem überprüfen meiner Geldbestände öffnete ich die Tür und es klingelte an der Theke. Der Wirt wünschte mir einen schönen Tag und überreichte mir eine Karte.
Ich berichtete ihm, dass mein Tag alles andere als schön gewesen sei, während ich die Karte systematisch nach wärmenden Dingen absuchte.
Ich entschied mich schließlich für eine heiße Schokolade und ein Croissant, was der Wirt auch gleich durch die kleine Tür zur Küche durchgab.
Während ich wartete, fragte ich den Wirt, seit wann es dieses Café schon gäbe, denn ich hatte es niemals zuvor gesehen oder auch nur davon gehört, worauf er antwortete, dass er hier schon seit Jahren seine Geschäfte mache.
Die Tür zur Küche ging auf und heraus kam ein jung anmutendes Mädchen mit verdeckten Augen, die man unter ihren Schwarzen Haaren fast nicht erkannte.
Sie stellte mir die heiße Schokolade auf den Tisch, an den ich mich gesetzt hatte und dabei konnte ich ihre Augen, tiefblau und traurig, sehen.
Mit einem Mal erinnerte ich mich an das Mädchen aus meinem Traum. Sie waren ein und dieselbe Person.
Fasziniert und erschüttert zugleich blieb mein Blick an ihr hängen, als ihr der Wirt etwas sagte. Sie nutzte die Zeichensprache um ihm eine Antwort zu geben, was mit oder eher ohne ihre Stimme in meinem Traum ein sicheres Indiz dafür war, dass sie stumm war.

Als sie wieder in der Küche war, fragte ich den Wirt, wie sie heiße und ob sie stumm sei, worauf er nur antwortete, dass er sie Susan nenne, doch ihren wahren Namen niemals erfahren hatte, im weiteren erzählte er mir, dass seine Mutter taub gewesen war und er deshalb die Zeichensprache beherrsche.
Nach seiner Geschichte war sie eines Tages hier aufgetaucht, nur in Lumpen gehüllt, und er überließ ihr zwei Zimmer im Dachgeschoss seines Hauses, wofür er aber die Gegenleistung, dass sie als Aushilfe im Café arbeite, forderte.



Als ich bezahlte, war es schon kurz nach 2 und ich schaute nochmals verstohlen beim Blick auf die Öffnungszeiten durch das beschlagene, runde Fenster in der Küchentür nach Susan.
Ich sah nur ihren schwarzen Pony hinter dem Glas, doch das reichte mir, um mit einem etwas besseren Gefühl heim zu gehen.

Ich machte mich wieder auf den Weg nach Hause und kurz bevor ich am Bäcker in meiner Straße ankam, wehte mir ein kalter Wind durch die Haare und es fing an zu schneien.
Ich lief schneller, kam vor meinem Haus an und schaute durch eine zerbrochene Scheibe in die Küche.
Aus der Garage holte ich mir ein Brett als Waffe und betrat durch die Tür die Wohnung. Im Dunkeln schlich ich durch die Gänge, in denen ich mich nur zu gut auskannte und stockte vor meinem Zimmer. Es brannte Licht.
Ich schritt wachsam hinein und sah eine Gestalt an der anderen Wand des Zimmers. Nachdem ich noch einmal hinschaute, erkannte ich, dass ich es war. Der Nebel des Morgens hatte sich an den Wänden und Möbeln zu Eis umgeformt und spiegelte mich nun. Ein Blick auf das Thermostat genügte um mir diese Gedankenkette zu festigen: es zeigte -6°C an und mein Atem gefror schon in der Luft.
Durch den glücklichen Zufall, dass ich einen Teppich in meinem Zimmer verlegen ließ, der nicht so rutschig ist, wie der vorher ausgelegte Laminatboden, konnte ich wenigstens nicht so leicht ausrutschen.

Ich schlich wieder auf den Flur in Richtung Küche, wo mir nichts weiter begegnete.
In der Küche angekommen betrachtete ich das zerstörte Fenster und suchte nach kurzem Überlegen nach Glassplittern in der Spüle und auf der Theke, doch ich fand nur vereinzelt Überreste des Fensters. Mit einem Blick aus dem Fenster wurde mir klar, dass es von innen zerstört worden war, denn die gesuchten Scherben lagen draußen vor der Mauer.
Aber mir war auch klar, dass einfach die plötzliche Kälte eine Temperaturschwankung, was eine große Spannung mit sich zieht, im Glas hervorgerufen haben könnte und es dadurch vernichtet wurde.
Inzwischen legte sich auch eine leichte Schneeschicht auf die Theke und mir wurde klar, dass ich schnellstens das Fenster schneedicht machen müsse, damit meine letzte Nahrungsquelle nicht auch noch zugeschneit würde. Nach wenigen Minuten hatte ich auch schon Folie und Klebeband gefunden. Ich klebte das Fenster ab und ließ den Rollladen herunter, was vorerst gegen die Witterung Aushilfe leisten sollte.

Kurze Zeit später saß ich wieder vor meinem PC. Ich suchte im WorldWideWeb nach Zeichensprach-Tabellen und Videos. Nur um zu verstehen was Susan zum Wirt sprach, wollte ich diese Form der Sprache lernen.
Nach ca. 20 Minuten und 3 Suchmaschinen gab es die ersten nützlichen Treffer.
Eine Seite bot an, Videos bereit zu stellen, wenn man sie durch weitere Videos ergänzen konnte. Ich schrieb dem Webmaster eine E-Mail, in der ich ihm von Susan erzählte und versprach, in den nächsten Wochen einige Übungsvideos hochzuladen.
Nach wenigen Minuten empfing ich eine Nachricht, in der das Passwort zum runterladen stand.
Mit diesem Passwort lud ich dann alle Videos herunter und arbeitete die ganze Nacht mit ihnen, bis ich gegen 8 Musik anschaltete und auf meinem Bett einschlief.

Ich erwachte gegen 10 Uhr wieder, weil mein Antivirusprogramm abermals einen Virus nicht löschen konnte und hockte mich an den PC.
Die 8 verseuchten Dateien trugen das Dateikürzel .ice, was mich sehr stark an gestern erinnerte.
Seltsamerweise befanden sich die Dateien an den gleichen Orten wie am Vortag aber ich deaktivierte diesmal mein Internet und meine Antivirussoftware bevor ich die Datei von gestern öffnete.
Wieder erschien das blaue Bild auf dem Monitor und mir wurde es wieder kalt.
Diesmal formten sich wieder Figuren aus dem Blau und ein Paar Augen schaute mich aus dem PC heraus an.
Die Farbe wurde dunkler bis der Bildschirm schwarz war.

Als sich der PC plötzlich von selbst neu startete, war es schon kurz vor 11 und mich plagte abermals der Hunger. Vom Hunger geleitet ging ich in die Küche und bemerkte, dass immer noch nichts in den Schubladen war.
In meinem Zimmer lag noch die Jacke und ich schaute kurz auf, bemerkte, dass wieder Nebel über dem Boden stand und mein Thermostat 3,7°C anzeigte.

Ohne mich weiter zu wundern verließ ich wieder das Haus und ging gleich in Richtung Stadtzentrum. Ein kühler Wind kam auf und es fing wieder an zu schneien.
Ich betrat einen Lebensmittelladen und sah aus dem Augenwinkel Susan auf der Straße.
Als ich mich umdrehte, war da aber nichts als eine ältere Frau die mit ihrem Dackel spazieren ging.
In dem Laden kaufte ich mir Aufbackbrötchen. Als ich schon wieder aus dem Laden gegangen war, fiel mir wieder ein, dass mein Ofen ja nicht funktionierte und dachte beim Blick über die Schulter zum Laden an meine kalte Wohnung, als mit quietschenden Reifen ein Auto vor mir hielt. Ich hatte die Straße betreten, ohne auf den Verkehr zu achten, der zu dieser Uhrzeit nahe am Nullpunkt lag.
Der Fahrer schien nur ungeduldig zu sein und ich entschuldigte mich mit einem Lächeln, doch er verzog nur seine Miene und fuhr weiter.

Mir fiel ein, dass ich ja einige Schimpfwörter in der Zeichensprache konnte, als mich eine Gruppe Kinder anpöbelte, was ich denn hier mache, und dass ich Zoll zu zahlen habe, da ich durch ihr Gebiet ginge. Sie dachten garantiert, dass ich stumm sei, weil ich irgendwelche Armbewegungen machte, die mir in den Kopf kamen. Die kleinen beachteten mich nicht mehr und ich lachte mir ins Fäustchen.

Als ich zu Hause meine Brötchen ablegte, war es 11:42 und der Nebelschleier über dem Boden war wieder einmal angewachsen, da es nur 3,2°C in meinem Zimmer waren.
In meinem Kühlschrank lagerten immer noch Marmelade und ein kleines Stück Butter, doch ich hatte keinen Appetit auf solch kühle Lebensmittel, deshalb ging ich nochmals los.

Wieder waren alle Läden von der Mittagspause geschlossen und ich lief zu dem kleinen Café, in dem Susan arbeitete.
Der Wirt begrüßte mich wie am Vortag und bot mir abermals die Speisekarte an, doch ich lehnte dankend ab und bestellte mir eine heiße Schokolade.
Er gab die Bestellung weiter in die Küche, doch er rief nach Emily anstatt Susan. Mir kam das zwar seltsam vor, doch ich dachte mir nichts weiter dabei.

Als Susan wieder in der Küche war, fragte ich den Wirt, wie es Emily denn ginge und er sagte, dass ich sie das gerne selber fragen dürfte, nicht dass er etwas falsches sage.
Er rief wieder nach Emily und sie kam nach wenigen Sekunden durch die Tür. Sie fragte ihn was denn los sei und er antwortete ihr, dass ich nach ihr verlangt hätte.
Seltsamerweise konnte Emily reden, was er gestern noch bestritten hatte, doch sprach sie mit einem nur schwer verständlichen Akzent, was mich noch mehr verwirrte.
Nach einem kurzen Gespräch mit ihr, in dem ich erfuhr, dass sie seit mehreren Wochen eine Wohnung über mir wohnte, sie diese Stelle nur als Nebenjob zu ihrer Künstlerkarriere hatte und ich sie anscheinend noch niemals zuvor getroffen hätte.

Gegen 2 ging ich dann wieder nach Hause, ohne mir weiter Gedanken über dieses rätselhafte Mädchen zu machen.
In meinem PC ließ ich den Antivirenscan durchlaufen und legte mich hin, da ich seit 2 Nächten kaum geschlafen hatte. Gegen 9 Uhr abends erwachte ich wieder und bemerkte, dass die Wände wieder mit Eis überzogen waren und ich mich nur schwerfällig bewegen konnte, da selbst die Decke eine kleine Eisschicht aufwies.
Die 6 Stunden Schlaf hatten nicht wirklich die Müdigkeit gemindert, doch kam ich mir etwas energiereicher vor. Mit dem Fahrrad fuhr ich dann zu einem Schnellimbiss der am anderen Ende der Stadt war. Mit einigen Burgern beladen kam ich zu Hause an und mir fiel auf, dass die Folie des Küchenfensters fehlte und an ihrer Stelle eine Scheibe war, als wäre das Glas niemals weg gewesen. Es lagen keine Splitter mehr herum, keine Zeichen des Vorabends.
Ein Blick auf meine Klingel verriet mir, dass Susan, oder Emily, oder wie auch immer die Wahrheit gesagt hatte, dass sie über mir wohne, doch mein Haus besaß bloß 2 Stockwerke.
Die Geschichte von der Susan, von der mir der Wirt gestern erzählte, stimmte also nicht.

Ich setzte mich trotzdem wieder an die Zeichensprachvideos und studierte sie weiterhin.
Bis es fast 3 Uhr war, hatte ich diesmal schon über die Hälfte aller Videos durch und konnte so langsam Sätze bilden, die mehr enthielten, als nur eine Vorstellung von mir.
Um 4 Uhr schaltete ich wieder Musik ein und legte mich in mein bei -5,1°C tiefgekühltes Bett, wo ich trotz der Kälte schnell einschlief.

Wie zu erwarten, weckte mich mein Virenscanner um kurz vor 10 auf.
Diesmal hatte er bloß 11 Dateien gefunden, die er nicht löschen konnte und ich ging auf die Suche nach ihnen.
Seltsamerweise fand ich nichts, als ich nach „.ice“-Dateien suchte und ging in die Verzeichnisse, in denen sie waren. Dort war nichts, doch zeigte mir der Scanner an, dass die Daten in einem anderen Verzeichnis lägen und ich wechselte dorthin.
Ich erstaunte bei dem Anblick von 11 Dateien mit „.air“-Kürzeln, die im Ordner umherschwirrten und schaltete mein Antivirenprogramm wieder aus.

Beinahe 4 Minuten brauchte ich, um eine Datei zu fangen und sie zu öffnen und es erschien eine vollkommen weiße Fläche anstatt der bläulichen .ice-Daten.
Nach kurzem Warten formten sich Wirbel aus der weißen Farbe, die eigentlich keinen farblichen Unterschied hatten, doch trotzdem konnte ich sie sehen.
Es war als würde sich alles um mich herum bewegen und als ich das Poster über meinem Monitor anschaute, riss es plötzlich von der Wand ab und wehte gegen den Schrank.

Mit einem Schlag war alles wieder ruhig und mein PC startete sich von neuem. Ich dachte über ice und air nach, was in Deutsch ja Eis und Luft bedeutete. Die Verbindungen waren seltsam, doch war es nicht mehr so kalt in meinem Zimmer, wie gestern Abend, aber der Fensterrahmen hatte einen Riss, durch den ein stetiger Luftzug kam.
Ich legte ein Handtuch vor den Riss, aber es wurde heruntergeweht.
Viele Versuche später kam ich zu dem Schluss, dass der Riss nicht versiegelbar sei, solange ich nicht etwas Bestimmtes täte.

Ich ging in die Küche und sah die Aufbackbrötchen da liegen. Der Herd und der Ofen liefen beide auf voller Leistung, da ich sie nicht nach den vergeblichen Versuchen, sie anzuschalten, ausgeschaltet hatte, weshalb es in der Küche äußerst warm war.

In den Ofen legte ich 3 der Brötchen hinein, schaltete ihn herunter und den Herd schaltete ich ganz aus, bevor ich noch irgendwie ausrutschte und mir ein Körperteil verbrannte, so ungeschickt wie ich war.
Nach 12 Minuten waren die Brötchen schon ziemlich dunkel und ich hatte vergessen, einen Teller neben hin zu stellen, auf den ich die Brötchen legen könnte, weshalb ich sie auf den Herd legte, wo sie nach Sekunden anfingen, vor sich hin zu kokeln.
Die Abzugshaube ging nicht an und ich schnickte die Brötchen auf den Boden, bevor sie ungenießbar wurden, wo sie allerdings in einer Pfütze landeten, die sich unter der Spülmaschine angesammelt hatte. Ich bekam einen Schreck und Lachanfall, als plötzlich mit lautem Getöse die Abzugshaube ansprang und die Spaghetti von letzter Woche hochgezogen wurden. Als ich mich ,immernoch lachend, vom Boden aufzuraffen versuchte, rutschte ich in der Pfütze weg und knallte mit dem Kopf zuerst auf die harten Steinfliesen.

Erst im Ärztezentrum erwachte ich um kurz vor 12 wieder. Susan stellte sich mir als Renie vor, was mich erneut zum Stutzen brachte und ich tat so als würde ich sie auch nicht kennen, nannte ihr meinen Namen und bedankte mich bei ihr, dass sie mich hergebracht hatte, denn es war schon ein gutes Stück von mir zu Hause bis her.
Sie hatte einen Schwarzen Mantel an und ihre Haare offen, was ihr den Anschein einer Schwarzmagierin gab. Renie erzählte mir, dass sie durch das offene Fenster in meine Küche geschaut hatte, als ich gerade um fiel und sie noch kurz wartete, ob ich denn eine Reaktion zeigte, doch als nichts kam, ging sie zu meinen Nachbarn, denen ich einen Schlüssel gegeben hatte und brachte mich schließlich her.
Im nächsten Moment erschrak sie während sie mir in die Augen schaute, als wären sie irgendwie bunt leuchtend und ich fragte sie, was denn wäre.
Sie antwortete, dass meine Iren weiß wären und blaue Wirbel hätten. Ich bekam einen Schreck, denn meine Augen waren normalerweise grünlich braun und dann ging ich zu den Toiletten und schaute mich an. Die Augen sahen tatsächlich so aus, wie Renie sie beschrieb.

Gegen 2 Uhr kamen wir wieder bei mir zu Hause an und sie blieb bei mir, um mich zu beobachten, nicht dass irgendwelche Nachwirkungen vorhanden waren.
Nach neuesten Erkenntnissen wohnte sie im Haus ihrer verstorbenen Großeltern 2 Straßen weiter mit ihrem kleinen Bruder. Die Geschichten die sie mir erzählte wurden immer abstruser, da ich von ihr bisher 3 verschiedene Versionen kannte.

Um kurz nach 3 fragte ich sie, ob sie schon mal von einem Café in der Rathausstraße gehört habe und sie verneinte, also beschloss ich es ihr zu zeigen.
Als wir wenige Minuten später dort ankamen, gab es nur einen schrecklichen Anblick von einem zerschlagenen Schaufenster und zerstörtem Mobiliar. Ich ging hinein und stolperte beim Eintreten in die Küche über etwas Schweres.
Der Wirt lag auf dem Boden, ihm kam Blut aus dem Mund, sein Oberkörper war seltsam Flach und er atmete nicht mehr. Renie kam hinterher und sah das schreckliche Schauspiel, so wie ich es gesehen hatte.
Ich rief mit dem hauseigenen, unbeschädigten Telefon die Polizei an und berichtete bereits über den toten Wirt, dessen Wiederbelebungsversuche fehl schlugen, da wir merkten, dass alle seine Rippen gebrochen waren und er schon kalt war.
Nach 7 Minuten kam ein Einsatzwagen und die Polizisten konnten auch nur feststellen, dass randaliert wurde und der Mann schon über eine Stunde da lag.
Wir wurden von einem Polizisten ausgefragt, ob wir den Mann kannten, außer als Wirt des Cafés, doch leider mussten wir verneinen. Als wir schließlich unsere Adressen wegen Rückfragen hinterlassen hatten, wurden wir heim geschickt, da alles weitere „Polizeiarbeit“ war.

Renie machte sich keine größeren Sorgen um mich, deshalb brachte sie mich nur noch heim und ging dann selbst.
Ich ging in mein Zimmer, wo zu meinem Erstaunen kein Nebel war und sich auch kein Eis an den Wänden abgesetzt hatte. Ein Blick auf das Thermometer verriet mir, dass es 9,2°C warm war, nachdem Tagelang alles unter 8,5°C lag. Heute legte ich mich früh ins Bett. Um 11 Uhr abends schlief ich schon lange, doch bloß bis etwa 5 Uhr morgens, da der Wind in meinen Ohren pfiff.

Ich holte mir Ohropax doch selbst die halfen nicht gegen diesen schrecklichen Pfeifton, also schaltete ich meine Musik auf sehr laut und schrieb ein paar kleinere Gedichte auf meinem PC auf, während ich mitsang. Dabei fiel mir auf, dass ein Prozess im Hintergrund ablief, der relativ viel CPU beanspruchte.
Ich schaute nach der Quelle und erkannte, dass dort die Ordner Ice, Air, Earth und Fire waren, die sich anscheinend entsprechend ihrer Bezeichnung verhielten.
Ice war erstarrt und leicht bläulich, Air wirbelte herum, Earth rüttelte sich, aber ließ sich nicht öffnen, da anscheinend ein Panzer darüber lag und Fire verflüchtigte sich ständig und stabilisierte sich nach kurzem wieder an einem anderen Ort im Ordner.

Ich hatte also die Quelle dieser seltsamen Viren gefunden und ließ den Scanner durch laufen, aber er fand nichts besonderes. Das lustige allerdings war, dass in keinem der Ordner Dateien lagerten, was ich feststellte, nachdem ich endlich den Schutz von Earth durchbrochen hatte.

Als ich um 10 Uhr meinen Virenscanner durchlaufen ließ, um wieder einmal auf Virenjagd zu gehen, ging ich in die Küche.
Alles lag noch so wie gestern herum, die Brötchen waren fast schwarz und vollkommen durchweicht, da sie den Tag und die Nacht über in der Pfütze lagen.

Ich startete einen neuen Brötchenbackversuch und es gelang mir ausnahmsweise mal, die Brötchen leicht knusprig aus dem Ofen zu holen. Ich schmierte mir Butter auf das Brot, die gestern abgelaufen war und schraubte den Deckel von der Marmelade ab, doch nichts war mehr drin.

Irgendetwas ging doch immer hin die Hose bei mir, also nahm ich meine Jacke, ging zum Lebensmittelladen, wo ich die Brötchen her hatte, wo es schließlich aber keine Marmelade mehr gab, weil die Lieferungen aus blieben und ich machte mich auf den Weg zum nächsten Geschäft.
Als ich in die Straße mit dem Café einbog dachte ich wieder an den Toten und ging nach schauen, ob das Café schon abgesperrt war oder nicht.
Mir fiel zuerst auf, dass das Fenster nicht zerschlagen war und als ich näher trat sah ich auch wieder die Lampe und das unverwüstete Mobiliar wie vor 2 Tagen.

Ich ging hinein, wo mir zu meiner Überraschung der Wirt entgegen kam und ich vermutete, dass ich den Mord nur geträumt hatte.
Zur Tarnung über meine Verwunderung fragte ich ihn, ob ich eine heiße Schokolade haben könnte und er antwortete, dass seine Bedienstete mit Namen Rika seit Tagen verschwunden sei, doch würde er selbst etwas länger für die Zubereitung brauchen.
Mit viel Geduld saß ich nun knapp 10 Minuten an dem Tisch, an dem ich zuvor auch immer saß. Endlich kam er wieder und brachte mir meinen Kakao. Er fing an von ihr zu erzählen, erwähnte dabei, dass sie stumm sei und etwas menschenscheu, woraufhin ich antwortete, dass ich die Zeichensprache zum Teil beherrsche.
Gegen Viertel vor 12 machte ich mich wieder auf den Heimweg, doch ging ich noch schnell ein Glas Nuss-Nougat-Creme holen, was mir ohnehin besser erschien, als die Litschi-Orangen Marmelade, die es im Angebot gab.

Zu Hause angekommen, ging ich erstmal zu meinem PC und schaute nach dem Virenscan, der diesmal wie ich bereits erwartet hatte „.eht“-Dateien anzeigte, was für Earth stand. Ich öffnete den Ursprungsordner, den ich heute morgen gefunden hatte und öffnete den Earth-Ordner, in dem laut Eigenschaften 10 Dateien lagerten. Mit einem Mal stürzte mein PC ab und fuhr wieder neu hoch, doch anstatt meines Desktops tauchte ein Bild von einer Spalte in einer Straße auf. Alle Versuche den PC zu beenden waren vergeblich. Selbst als ich den Strom wegschaltete, lief er weiter. Ich schaltete wieder den Strom zu und es gab immernoch keine Reaktion, wodurch ich mich entschied, noch eine Weile zu warten und wie kann man besser warten, als etwas zu essen, wenn man hungrig ist.

Ich ging in die Küche und beschmierte meine inzwischen kalten Brötchen mit der Nuss-Nougat-Creme und kam bei dem Butterbrötchen zu dem Schluss, dass die Butter wirklich schon schlecht war, denn sie schmeckte ranzig und irgendwie nach Schwefel. Dieses Brötchen aß ich nicht mehr fertig, aber wenigstens hatte ich 2 weitere gehabt.

Nachdem ich fertig war, ging ich wieder in mein Zimmer und der Virenscanner zeigte schon wieder 10 verseuchte Dateien an, doch das Bild der zerstörten Straße war weg. Wie schon in den letzten Tagen öffnete ich die verseuchten Bilddateien, als ich sie aufgespürt hatte.
Wieder erschien ein Bild, doch diesmal war es Braun wie Sand und es formte sich ein Gesicht daraus. Das Gesicht sah aus wie das von Susan und wieder startete der PC nach wenigen Sekunden neu.
Ich hatte inzwischen viele Anzeichen dafür, dass die Erdspalte, Rikas verschwinden und Susans Gesicht irgendetwas zu bedeuten hatten, vermutlich sogar, dass Rika wieder einmal ein anderer Name für Susan sei und sie in der Spalte lag, weshalb sie nicht auf der Arbeit erschien.

Als ich aus dem Haus ging, ertönte plötzlich ein unterschwelliges Grollen. Ich rannte los in Richtung des Gartens der Nachbarn, wo ich mich schließlich an einen Baum klammerte.
Das Grollen wurde lauter und plötzlich bebte der Boden sehr stark. Nach wenigen Sekunden war es wieder vorbei, doch gab es beträchtliche Schäden an den Häusern. Eines war sogar eingestürzt und ich lief so schnell ich konnte zu dem eingestürzten Haus hin.

Ich grub mich durch die Betonstücke und entdeckte eine Hand zwischen zwei Blöcken. Die Feuerwehr traf ein, als bereits 20 weitere Passanten versuchten, die Trümmer beiseite zu räumen und die Person frei kam. Es war ein alter Mann, grau vom Staub aber noch recht gut auf den Beinen. Der alte Mann redete wirr von einem Mädchen, dass er kurz vorher verabschiedet hatte, doch bezeugte er, dass keine weiteren Personen im Haus waren, als es eingestürzt sei.
Die anderen Leute arbeiteten sich weiter durch die Trümmer und ich verließ schnell den Unglücksort in Richtung der Landstraße, wo ich das Mädchen vermutete.
Nur 2 Straßen weiter war die Asphaltdecke der Straße aufgerissen und Kinder machten sich einen Jux daraus, mir zu versichern, dass das ein Riss der in die Hölle leitet sei, doch ich widerlegte ihre These schnell, indem ich meinen Fuß zwischen die Asphaltschichten schob, und zu meinem Pech mein Schuh sich in der aufgerissenen Oberfläche verfing.
Die Kinder lachten so, dass sie schon fast blau wurden, als ich meinen Schuh auszog und ihn aus der Straße holte.

Ich fragte einen kleinen Jungen, ob er eine junge Frau gesehen hätte, das hier vorbei gekommen sei, bevor der Boden aufgeplatzt sei, doch er wusste von nichts. Ein Mädchen meldete sich zu Wort und beschrieb mir recht genau Susans Aussehen und dass sie über eine Brücke über einen kleinen Bach in den Wald gegangen sei, wo das Mädchen sie aus den Augen verlor. Ich ließ mir genau den Weg dorthin beschreiben und kam schließlich vor der Brücke an. Sie war eingestürzt und der Bach war mindestens 20 cm tief, deshalb wollte ich nur ungern hindurch gehen. Ich nahm Anlauf und sprang über den Bachlauf, blieb aber leider am andern Ufer hängen und kippte nach hinten weg, geradewegs in den Bach hinein.
Im nächsten Moment hielt etwas meine Hand am Gelenk fest, was ich zuerst nicht erkannte.
Es war eine Wurzel, die mich vor dem kühlen Nass bewahrte. Ich richtete mich auf und zog mich an den Wurzeln einer großen Weide hoch auf das andere Ufer, wo ich sofort Fußspuren im Schlamm entdeckte.

Es waren nackte Füße, die diese Spuren erzeugt hatten und ich folgte diesen Spuren.
Nach etwa 12 Minuten verschwanden die Spuren und eine Straße erschien vor mir, was ich nicht erwartete, da hier mitten im Nirgendwo in einem kleinen Wäldchen eigentlich keine Straßen verlaufen sollten. Ich schaute auf und sah in weiter Ferne eine dunkle Gestalt gehen, die im nächsten Moment nicht mehr da war.
Als ich dort angekommen war, wo die Gestalt verschwand, sah ich einen kleinen Pfad, der wieder in den Wald führte. Dem Pfad folgte ich etwa eine halbe Stunde und kam vor einer kleinen Hütte aus Holz an. Ich hatte die amüsante Fantasie von dem Haus der Hexe aus dem Märchen Hänsel und Gretel, das sicher ähnlich aussah oder vielleicht genau dieses Haus war.

Die Vordertür stand in seltsamem Winkel offen und einige Bretter waren herunter gekracht, was der Hütte den Anschein gab, dass es bereits die letzte Jahrhundertwende überdauert habe. Ich betrat das Haus und bemerkte, dass ein Feuer im Kamin des einzigen Zimmers brannte. In einem Sessel vor dem Kamin bewegte sich etwas und ich ging neugierig weiter in den Raum hinein. Plötzlich sprang mich etwas an und als ich herum wirbelte, merkte ich dass es ein Luchs war, der mir die Jacke an mehreren Stellen zerrissen hatte.
Eine sanfte, weibliche Stimme ertönte aus dem Sessel, die dem Luchs befahl, mich in Ruhe zu lassen. Es war Susan, die mit dem Luchs sprach, was ich bemerkte, als ich zum inzwischen herum gedrehten Sessel blickte.

Sie bot mir einen Platz auf dem Sessel gegenüber an und als ich mit ihr über mein Herkommen sprach, fiel mir ein, dass sie seit Tagen vermisst sei. Ich fragte sie zu diesem Thema aus, doch sie wusste von nichts, was vor letztem Montag und in den letzten Monaten vor ihrem Verschwinden gewesen sei und konnte sich auch nicht an den Wirt erinnern.
Es trat eine lange Pause ein, in der ich nachdachte, was ich sie denn fragen könne ohne zu zeigen, dass ich sie bereits gut kannte. Ich bemerkte den schwarzen Mantel von Gestern an einem Kleiderständer und sprach sie versehentlich als Susan darauf an.
Sie wirkte irritiert und fragte mich woher ich ihren Zweitnamen kenne und ich antwortete, dass der Wirt mir ihren Namen gesagt hätte, als er sich über ihren Verlust beklagte. Allerdings wusste sie genau, dass außer ihrer Familie niemand ihren Zweitnamen jemals hätte wissen können. Selbst auf ihren Ausweisen hieße sie nur Rika. Ich packte aus, dass ich seltsame Erlebnisse in den letzten Tagen hatte und von ihr bisher 4 verschiedene Namen kannte.
Sie schien immer ungläubiger, je mehr ich ihr erzählte. Als ich dann zum gestrigen Mord kam, glaubte ich mir selbst kaum noch und sie schüttelte nur ihren Kopf.
Susan musste zugeben, dass ich seltsam viel über sie wusste, doch hatte sie niemals die Zeichensprache beherrscht, 2 der Namen stimmten nicht und sie wusste auch nichts von mir oder dem Wirt.
Ich sah aus dem Fenster und erkannte nur noch schwach die Bäume am Rand der Lichtung, auf der die Hütte stand. Susan bot mir an, mich nach Hause zu bringen und ich bot ihr an, die Nacht über zu bleiben, denn es war sehr kalt hier ohne richtige Dämmung der Wände und sie willigte ein.

Sie nahm ihren Mantel, verabschiedete sich von dem Luchs und wir gingen los durch den Wald. Wir nahmen einen kleinen Umweg um über den Bach zu kommen, da die Brücke immernoch in Trümmern lag.
Scheinbar kannte Susan den Wald wie ihre Westentasche und führte mich behände zurück zur Straße, wo mich die Kinder ausgelacht hatten. Von hier ab übernahm ich die Führung und geleitete sie zu mir nach Hause, vorbei an den letzten Trümmern des Hauses vom Mittag. Als ich die Tür öffnete, fiel etwas Putz von der Decke und ich schaute auf. Ein Riss hatte sich in der Decke aufgetan, was nach gründlicher Überprüfung der Wohnung wohl der einzige Erdbebenschaden war. Das Pfeifen des Windes war nicht mehr zu hören und es herrschten wieder normale Temperaturen im Haus, scheinbar einer der Nebeneffekte der seltsamen Computerviren.
Ich richtete mein Zimmer noch kurz her und bot ihr mein Bett an, doch sie lehnte dankend ab, da sie lieber auf der Couch im Wohnzimmer schlafen wolle, die ich für mich vorgesehen hatte. Gegen 10 Uhr gingen wir beiden schlafen, nicht ohne uns vorher die letzten 6 knusprig gebackenen Aufbackbrötchen zu verspeisen, denn wir hatten beide den Tag über fast nichts gegessen.
Ich ließ meinen Virenscanner laufen und schaute währenddessen noch einmal nach dem Ordner mit den leeren nach den altertümlichen Elementen benannten Ordnern und mir kam die Idee, dass vielleicht jeder Virus eine andere Eigenschaft in meinem Zimmer auslöste. Bisher war mir allerdings nichts in Bezug auf Erde aufgefallen, außer dass ich etwas Dreck aus dem Wald an meinen Schuhen hatte, der sich inzwischen von den Schuhen gelöst hatte und sich so im ganzen Raum verteilte.
Ich stattete kurz Susan noch einen Besuch ab und sagte ihr, dass sie jederzeit kommen dürfe, wenn etwas sei, dann legte ich mich auch hin.

Um 8 Uhr wachte ich auf und schaute im Wohnzimmer nach, ob Susan schon wach sei, doch sah ich nur einen riesigen Riss im Boden, wo früher einmal die Couch stand.
Ich ging hin und schaute hinunter, sah nichts außer Schwärze und holte eine Taschenlampe aus meinem Schrank. Bei Beleuchtung sah die Sache ganz anders aus, ich konnte Susan dort unten erkennen, doch bebte plötzlich wieder die Erde und der Spalt verschloss sich unter mir.
Die Taschenlampe steckte halb im Boden und ich versuchte erst gar nicht die Polizei oder Feuerwehr zu rufen, da dieser Vorfall sich so sinnlos und fantasieentsprungen anhörte, dass ich es selbst nicht geglaubt hätte, wenn mir nicht in den letzten Tagen derartig seltsame Vorfälle ständig untergekommen seien.

Mit einer unglaublichen Ruhe setzte ich mich auf den Boden, wo eben noch der Spalt war, in den meine Couch verschwunden war und ich rätselte, ob Susan bereits gegangen sei, bevor das Beben kam. Im Jackenschrank hing kein Mantel mehr, was mir zumindest darin Sicherheit gab, dass sie mit großer Sicherheit nicht beim Beben auf der Couch war.

In der Küche fand ich einen Zettel auf dem ihr Ziel stand:
„Ich habe mich auf den Weg gemacht zu meinen Verwandten, die in einem Nachbarort wohnen. Ich wünsche dir viel Glück heute und noch mal danke für den Aufenthalt bei dir. Gruß Aurelie.
P.S.: du kannst mich ja besuchen kommen, wenn du Zeit hast, ich würde mich freuen.“

Dabei lag noch eine Beschreibung zum Weg zu ihren Verwandten. Der Ort lag etwa 18km entfernt, was mir eine weitere Spur gab, dass sie gegangen sei.
Bis um 10 Uhr wartete ich auf den Virenscan, der diesmal 9 „.fir“-Dateien anzeigte.
Ich öffnete wieder nach altem Schema eine dieser Dateien, in der rote Farbe gezeigt wurde. Aus der Farbe bildeten sich Häuser und Flammen. Plötzlich schaltete sich das Bild weg und der Desktop war wieder zu sehen, was bisher niemals vorgekommen war.
Ich öffnete eine andere dieser mysteriösen Dateien und es erschien diesmal nach der roten Farbe eine Kugel aus Feuer, die der Sonne sehr stark ähnelte. Wieder startete der PC nicht neu und ich sah im Ursprungsordner dieser Dateien nach.
Es wurden insgesamt 45 Dateien, davon 3 versteckt und 5 Ordner angezeigt.
Ich konnte trotz allem nur 4 Ordner sehen und öffnete den Fire-Ordner, was meinen PC recht viel arbeiten ließ. Die 9 angezeigten Textdateien waren jede größer als 4 MB, was mir sehr zu denken gab.
Ich öffnete eine dieser Textdateien, was den PC abermals eine gewaltige Dauer rechnen ließ.
Als endlich die Datei geöffnet war, fielen mir bei 200 Seiten wortwörtlich die Augen aus dem Kopf, denn dies war alles richtiger Text, nicht wie in Programmcodes nur Zeichen und einzelne Sätze.
Auf der 17ten Seite fing ich an zu lesen: „Ich nahm mein Fahrrad und fuhr beim Bäcker vorbei, der aus dem Urlaub inzwischen zurück war, holte mir belegte Brötchen für den Weg und fuhr die Straße entlang.“

Nur um des Versuches Willen machte ich kurze Zeit später genau dies und befand mich gegen viertel vor 11 auf der Straße die in den im Brief genannten Ort führte.
Kalter Wind schlug mir ins Gesicht und die Straße war nicht nur in meiner Stadt aufgerissen, was hieß, dass ich mich etwa 3 Stunden durch die Schlaglöcher und Spalten quälen musste.
Den Zettel hatte ich mit genommen, um mich noch mal zu versichern, dass ich nicht in die falsche Richtung fuhr, aber eigentlich war nur eine starke Bindung an Susan, oder wie sie sich heute nannte „Aurelie“, der Grund dafür.

Es war kurz vor 2 als ich endlich dort ankam und ich hatte alle Brötchen aufgebraucht, die ich mir gekauft hatte, doch trotzdem hatte ich Hunger.
Der ganze Ort lag in dicke Schneemassen gehüllt und es wehte ein stetiger Westwind, der mich mehrfach fast vom Rad blies. Ich kämpfte mich durch die weiße Schicht zu einem rot angestrichenen Haus vor, das in der Beschreibung genannt wurde. Leider hieß es dort, dass ich nicht das rote Haus sehen solle, da ich sonst schon an dem Gässchen vorbei wäre.
Ich fuhr langsam den Weg zurück und tatsächlich war zwischen dem meterhoch getürmten Schnee ein kleiner Pfad, der in eine andere Reihe Häuser führte. In diesem Weg waren auch Spuren von nackten Füßen zu finden, was mich wieder an gestern erinnerte, als ich im Wald den Schlamm sah.
Ich folgte den Spuren, die am Ende des Weges abrupt aufhörten. Auf der Suche nach den Spuren stieß ich mit gesenktem Kopf gegen ein Schild das aus einer Hauswand heraus ragte.
Als ich mich wieder gefasst hatte, konnte ich die altdeutsche Schrift endlich entziffern.
Darauf stand: „Nur die Verdammten finden hier her“, was mir erstmal wieder zu denken gab.
War Susan vielleicht eine Verdammte, was erklären würde, dass sie ohne Spuren weiter gehen konnte, oder war ich sogar der Verdammte unter uns?
Jedenfalls klärte sich die eine von beiden Fragen nicht, als ich weiter gehen wollte und auf festgefrorenem Schnee weiter schritt. Selbst meine Schuhe hinterließen nichts als den Dreck, der immernoch vom Wald im Profil steckte, was mir die Frage nach den verschwundenen Spuren eindeutig beantwortete.
Mein Fahrrad hatte ich schon abgeschlossen, bevor ich in das Gässchen gegangen war, doch trotzdem hatte ich ein ungutes Gefühl beim Gedanken an das Rad.

Auf der Beschreibung war ein Lageplan der Häuser eingezeichnet, doch hier befanden sich nur 3 der 7 benannten Häuser. Es war als hätte der Rest niemals existiert, denn auf deren Grundstücken standen Bäume die zum Teil schon mindestens 100 Jahre alt waren, was neue Häuser gänzlich ausschloss.

Eine alte Dame kam aus einer Tür heraus und fragte mich ob sie mir helfen könne, da ich scheinbar etwas bestimmtes suche.
Ich beschrieb ihr Susan, doch sie erwiderte nur, dass sie das Mädchen zuletzt gestern Abend gegen 10 Uhr hier gesehen hätte. Vollkommen verdutzt stand ich da, denn laut meiner Erinnerung waren wir um 10 beide zu Bett gegangen und wie solle sie innerhalb weniger Minuten in der Dunkelheit der Winternächte, die immernoch vorherrschten, bis her kommen, sich gleichzeitig von der alten Dame verabschieden und auf meiner Couch liegen.

Wortlos entschied ich mich, umzukehren und mich zu Hause wieder hin zu legen. Die letzten Tage waren scheinbar zu viel für mich, da ich schon anfing zu fantasieren.

Ich kam völlig entkräftet um halb 6 zu Hause an, da es inzwischen wieder geschneit hatte.
Auf meinem Bett fand ich ein Foto, das scheinbar aus dem Portemonnaie gefallen war, als ich es aufs Bett warf. Darauf war ich mit 5 Jahren im Kindergarten zu sehen und mir fiel auf, dass im Hintergrund an einer Hauswand ein kleines Mädchen, in einem dunkelblauen, mit gelben Blumen besetzten Kleid und mit schwarzen Haaren vor dem Gesicht, stand. Ich erinnerte mich, dass sie immer eine Außenseiterin war, da sie nicht reden konnte. Eine Erzieherin sagte mir, als ich das Mädchen einmal zu mir nach Hause einlud, dass sie Serra hieße und ihre Eltern vor wenigen Wochen gestorben seien und ich deshalb nicht grob mit ihr umgehen solle.
An diesem Nachmittag verstand ich auch was sie sagen wollte, ohne dass sie etwas sagte, doch hatte ich niemals heraus gefunden warum.
Das war es vielleicht, warum ich alles von Susan Gesagte sofort verstand, dass ich eine ähnliche Verbindung zu ihr hatte wie zu dem Mädchen. Sie, mit ihren 5 Namen, war vielleicht doch stumm.
Mit einem Mal wurde mir klar, dass Susan vielleicht das Mädchen war. Ihre 5 Namen: Die Anfangsbuchstaben von Susan, Emily, Renie, Rika und Aurelie zusammen ergaben Serra.

Durch diesen Geistesblitz war ich schlagartig wieder vollkommen wach, ich machte mich auf den Weg, noch mal schnell beim Fast-Food-Laden für den Abend auszusorgen und schwang mich auf mein Fahrrad.
Ich kam am Café vorbei und sagte dem Wirt, dass ich Aurelie gefunden habe und er bedankte sich, auch wenn er mich nicht kenne, woraus ich mir nichts machte, da ich mir inzwischen klar gemacht hatte, dass Serra jeden Tag einen anderen Namen hatte und jeden Tag aufs neue den Wirt verhexte, auch wenn ich nicht wusste, wie.

Endlich war ich da und bestellte mir 5 Burger, 2 mal große Pommes und einen Salat.
Ich setzte mich erstmal in der Filiale an einen Einzeltisch und genoss meine ersten 2 Burger und eine große Pommes, als plötzlich ein Mann hereingestürmt kam, über die Türschwelle stolperte und auf mich fiel, da ich sehr nahe an der Tür saß.
Die Burger konnte ich nun vergessen, da der Mann sehr verstört von einer Gasexplosion erzählte, die nur 2 Häuser weiter lag. Ich schaute durch das Fenster und mir fiel der rote Schein der Flammen auf.

Einer der Bediensteten rief die Feuerwehr an und ich rannte zu dem lichterloh brennenden Haus. Es war eine weibliche Stimme aus dem Haus zu hören, doch scheinbar nahm nur ich sie wahr. Mir kam es vor, als hätte ich ein Déjà-vu, als ich das Haus betrat, denn über mir brannte eine Lampe, die aussah wie die Sonne aus dem Bild von heute morgen aus dem Virus. Ich sprintete die Treppen hinauf und kam der Stimme immer näher. Durch eine Tür konnte ich einen Hund bellen hören, die Tür trat ich ein und der Hund rannte aus dem Haus heraus. Wenigstens musste ich mir keine Sorgen mehr um das Tier machen und ich kam so immer näher zur Quelle der Stimme. Eine offene Tür war vollkommen von heruntergekrachten, brennenden Balken blockiert und dahinter sah ich eine Gestalt. Ich verbrannte mir bei dem Versuch die Balken weg zu treten das Hosenbein, was mir eher wenig ausmachte und schaffte es nach mehreren Versuchen endlich einen Balken aus dem Verband zu lösen, doch leider fiel mir ein anderer, nicht brennender auf das Bein und ich steckte fest. Die Frau machte keine Anstalten mir zu helfen und verflüchtigte sich aus der Wohnung, wo ich nun lag und mir immer heißer wurde.

Ich hatte schon mit meinem Leben abgeschlossen, da der Balken auf meinem Bein auch anfing zu brennen und ich weiterhin nicht los kam, egal welche Anstrengungen ich unternahm.
Die ersten Flammen berührten meine Hose, doch ich spürte keine Schmerzen von der Hitze.
Vielmehr war es so, als wären die Flammen eisig kalt. Es kam ein Wind im Flur auf und mir bildete sich ein Eiszapfen an der Nase, der weder kalt noch warm war.
Die Erde erbebte kurz darauf und die Wand direkt hinter mir stürzte ein, doch war immernoch die komplette Außenwand erhalten. Ich blickte an die Decke, die auch schon von Flammen besetzt war, wo mir plötzlich aus den Flammen ein Gesicht entgegen kam. Es war scheußlich, doch konnte ich mich nicht von den Hörnern und der langen Hakennase abwenden.
Mein einziger Gedanke bei dieser Visage war, dass ich hier sofort heraus wollte, doch dieser Teufelskopf weckte in mir eine Angst, von der ich glaubte, dass sie nicht existierte.
Ich wurde ohnmächtig.

Als ich im Krankenhaus erwachte, saß mit dem Kopf auf meinem Bett Serra neben mir.
Ich rieb mir die Augen und erkannte, dass es wirklich Serra war. Sie hob ihren Kopf an, als ich meine Arme zurück auf das Bett legte.
Ihre erste Reaktion war die Frage ob es mir gut ginge, denn mein Bein sei gebrochen, doch ich spürte keine Schmerzen oder anderes unangenehmes. Mir war es in diesem Moment eigentlich egal, ob ich Schmerzen hatte, deshalb fragte ich nach meiner Antwort, wie sie her gekommen sei.
Sie antwortete, dass sie auch in der Nähe des Hauses mit dem Brand gewesen sei, als es passierte und entdeckte mich auf dem Boden des Flures, wo mir ein Bild auf den Kopf gefallen sei, weshalb ich bewusstlos gewesen sei.

Nach weiteren Gesprächen ging sie nach Hause um etwas zu holen, was sie mir nicht verriet und ich schaltete den Fernseher im Zimmer an, da ich alleine hier lag und keine Beschäftigung hatte. Das erste was ich bemerkte als ich die Nachrichten einschaltete war, dass es Sonntag war, was hieß, dass ich etwa 2 Tage bewusstlos gewesen sein musste und in der Welt sehr seltsame Dinge vor sich gingen.
In Frankreich gab es erneut Anschläge auf Paris, bei denen über 2000 Menschen gestorben seien, der Eifelturm zeigte ein Bild des Grauens und von dem „Arc de Triumph“ war auch nicht viel übrig.
Deutschland wurde fast komplett überflutet, da das Tauwetter zu viel Eis zum schmelzen gebracht hatte, als jemals hätte von den Flüssen abtransportiert werden können.
New York wurde von einem Hurrikane erfasst, Südamerika hatte bei Temperaturen über 50°C schwere Tropenbrände, in London trieben sich Killergangs umher, ein riesiges Erdbeben hatte halb Indien zerrüttet und in China sei ein neues Atomkraftwerk explodiert.

Überall war Chaos und Zerstörung, nur von Afrika hörte man keine Meldung, außer dass der Premierministerkandidat von Togo an einem Herzinfarkt gestorben sei und nun Neuwahlen angesetzt waren.

Als Serra wieder kam fragte ich sie, ob denn meine Wohnung in Ordnung sei, da sie mit meinen Schlüsseln die Tür herein kam. Bis auf die Tatsache, dass das halbe Haus unter Wasser stand, weil die Spülmaschine einen Riss hatte, war alles im Bereich des Ertragbaren.
Plötzlich hielt sie ein Foto in der Hand, das mich auf dem Boden des brennenden Hauses zeigte. Der Bilderrahmen wurde beiseite gelegt und ich hatte einen Entsetzten Ausdruck auf dem Gesicht, dessen Nase leicht blutete.
Sie sprach mich auf den letzten Augenblick an, an den ich mich erinnern konnte und ich erzählte von der, für mich dramatischen, Rettungsaktion. Allerdings verschwieg ich ihr das Gesicht aus den Flammen, doch sie erriet es auch ohne mein Zutun.
Während sie mich weiter ausfragte, bemerkte ich wie ich, wie von Geisterhand, mit meinen Händen herumfuchtelte und sie auf die gleiche Weise antwortete, obwohl ich sie doch hören konnte. Ich wusste gar nicht, dass ich die Zeichensprache so perfekt beherrsche und erkannte nun auch den Grund für meine Fähigkeit sie zu verstehen, obwohl sie stumm war.
Langsam kamen mir immer mehr Bedenken in Bezug auf Serra und meine seltsame Fähigkeit.


Mit voller Absicht rief ich Serra bei ihrem, nach meinen Indizien, wahren Namen, als sie schon fast aus der Tür heraus war und sie drehte sich um und ich sah ein seltsames Funkeln in ihren tiefblauen Augen.
Sie sagte mir mit fast verschwindender Stimme, dass ich sie bei mir zu Hause finden könne, drehte sich wieder um, murmelte noch irgendetwas in sich hinein und verschwand urplötzlich.

Als ich am nächsten Morgen um kurz vor 10 entlassen wurde und von einer Schwester nach Hause gefahren wurde, stand die Tür schon offen und ich entdeckte auf dem Treppenabsatz ins Obergeschoss einen Zettel. Es waren 5 Runen darauf gekritzelt, die mir in irgendeiner Weise bekannt vorkamen.
Ich startete meinen PC, dessen Stecker zum Glück an den Tischbeinen befestigt waren, da sie sonst nass geworden wären und der Virenscanner zeigte mir einen neuen Virus an, der diesmal nur eine Datei befallen hatte, aber dessen Signatur 7 weitere Dateien aufwiesen.

Egal wie sehr ich suchte, ich fand keine dieser Dateien, weder dort wo die anderen ominösen Viren waren, noch im Ursprungsordner. Zusätzlich war kein Subordner mehr dort, wo die anderen Viren zugeschlagen hatten. Es gab keine Spuren mehr, die auf die Viren zutrafen und ich schaltete meine Musik an.
Einen Augenblick lang erschien etwas Schwarzes auf meinem Desktop, doch bevor ich reagieren konnte, war es bereits wieder verschwunden.
Allerdings entdeckte ich schwache Konturen in einem Ordner, die sich mit dem Ordner verschieben ließen und ich versuchte diese Konturen anzuklicken.
Leider waren diese rätselhaften Ordner oder Dateien passwortgeschützt, sodass ich sie nicht öffnen konnte.
Ich suchte erneut in den Ordnern mit den anderen Viren nach solchen Signaturen und fand tatsächlich dort wo ich die Virendateien geöffnet hatte eine dieser schattenhaften Konturen.
Als ich versuchte diese Datei anzuklicken, war sie plötzlich nicht mehr da und ich suchte in den anderen Virenordnern danach. Schließlich fand ich sie wieder in dem Ordner, wo sie vorher war, doch nun hatte sie sich praktisch hinter einem Ordner versteckt, sodass ich sehr gut zielen musste um sie zu öffnen.
Wieder gab es einen Passwortschutz und ich probierte alles aus, was mir einfiel. Elemente, Orte, Namen, Begriffe, doch nichts nutzte etwas.
Ich schaute auf den Zettel mit den Runen und versuchte diese Runen zu entziffern. Im Internet gab es auch keine Übersetzung für diese Symbole, weshalb ich es nach geschlagenen 2 Stunden aufgab.

Ich ging mit meinen Krücken in die Küche und sah sogleich, dass Serra wohl eingekauft habe, denn in der Obstschale lagen Äpfel und Bananen, im Kühlschrank befanden sich wieder genießbare Dinge wie frische Milch, Joghurt, Marmelade, neue Butter und sogar Eier.
Sie hatte auch den Großteil des Wassers aus der Spülmaschine aufgewischt und ich wusste nicht so recht, was ich ihr als Gegenleistung bieten könne, weshalb ich auf gut Glück ohne Rezept, das leider durch das Wasser vollkommen unlesbar war, Pfannkuchen backte.

Ob es Zufall war, dass ich das richtige Verhältnis zwischen Mehl und Eiern beim dritten Anlauf fand, weiß ich nicht, doch sie schmeckten hervorragend bis auf die schwarze Unterseite, die binnen weniger Sekunden in der Pfanne entstand. Ich hatte mich aber mit meinem ständigen Pech abgefunden und saß nun ganz alleine am Tisch, dessen Holz auch leicht angeweicht war. Das eine Tischbein krachte und fiel ab, doch ich hielt schon meinen Teller in den Händen. Immerhin eine Sache hatte ich heute gut hingekriegt, wenn da nicht die Tischplatte wäre. In meinem Siegeszug über das abgefallene Tischbein hatte ich nicht bedacht, dass der Tisch hinterher kippen würde und so schlug er mir doch noch den Teller aus der Hand, an der sich scheinbar bei der Aktion ein Nerv eingeklemmt hatte, denn sie war von der einen auf die andere Sekunde taub. Bewegen konnte ich sie noch, aber ich spürte keinen Druck mehr, also konnte ich es vergessen, mit den Krücken weiterzulaufen.
Ich humpelte ins Badezimmer um mir endlich die Zähne zu putzen, wo ich schließlich mit dem nassen Badezimmerteppich ins Rutschen kam, doch ich hielt mich auf den Beinen und fragte mich so langsam wo Serra bleibe.
Als ich endlich die Zahnbürste im Mund hatte, setzte ich mich auf den Rand der Badewanne und beobachtete das Zimmer. Im Fenster gab es leichte Unreinheiten, ich schaute genauer hin und entdeckte ein Pentagramm, das eine Spitze nach unten hatte.
Normalerweise bedeutete dies die Beschwörungen von Dämonen oder anderem „Bösen“, doch ich hatte es vor einer Ewigkeit mal an das Fenster gemalt, als es sehr stark beschlagen war und bemerkte jetzt, dass ich es seit über einem Jahr nicht mehr geputzt hatte.

Doch das merkwürdige daran war, dass es mir jetzt auffiel, als ich mir Gedanken über die 5 Runen machte, die die gleiche Anzahl hatten wie die Spitzen eines Pentagramms. Vielleicht hatte auch Serra damit zu tun, die auch 5 Namen auf 5 Buchstaben hatte.

Ich schaute im Internet nach Hexenkulten und fand tatsächlich die Runen, die mir Serra hinterlegt hatte mit der Bedeutung. Die erste war Wasser, die zweite Luft, die dritte Erde, die vierte Feuer und die fünfte war einfach Zeit oder Leben, je nachdem wie rum man diese Rune zeichnete.
Mit diesem neuen Wissen probierte ich noch mal aus, den Virus zu öffnen, was mir mit dem Passwort Leben auf Anhieb gelang.
Vor meinen Augen löste sich mein PC in Luft auf, genauso wie alles darum und ich saß plötzlich auf der Lichtung, wo die Holzhütte stand, in der Rika wohnte. Sie war noch da, doch meine Uhr, mein Gips, also alles nicht organische, wie ich mir schnell zusammenreimte, war nicht mehr existent und ich hatte auch keine Kunststoffversiegelung mehr in meinem Backenzahn.
Während ich mich noch fragte, ob dies wieder ein Traum sei, eine Visuelle Illusion des PCs oder ob es sogar die knallharte Realität wäre, trat Serra aus dem Haus heraus. Sie war in ein Kleid aus Efeublättern gehüllt, was nur sehr wenig ihrer Haut bedeckte. Sie wirkte wie eine Göttin des plötzlich ausgebrochenen Frühlings inmitten der sprießenden Blumen, die zu ihren Füßen aufgingen, als sie sich auf mich zu bewegte.
Bevor ich ein Wort sagen konnte wickelten sich Ranken um mich und ich konnte mich nicht mehr bewegen, selbst sprechen konnte ich nicht, da sich eine dieser Ranken über meinen Mund gelegt hatte. Ich schloss meine Augen und spürte, wie die Ranken meine Kleidung zerrissen und sich einige Ranken fester um mich wickelten. Die Ranken zerdrückten mich fast und nach wenigen Sekunden war ich wieder frei, ohne Kleidung aber mit Ranken umwuchert.
Mein gebrochenes Bein wurde auch von Ranken gehalten und so konnte ich laufen, ohne irgendwelche Einschränkungen zu haben.

Ich dachte an meine Küche und mir fiel auf, dass alle Runen sich in der Küche finden ließen, außer der des Lebens. Die Spülmaschine stand für Wasser, der Herd für Feuer, die Abzugshaube für Luft und die Fliesen für die Erde. Die Uhr stand für Zeit, aber in der Küche gab es keine Pflanzen, und außer selten Obst sonst auch nur wenige Früchte oder Gemüse.

Einen Moment später sprach mich Serra an und fragte mich, wie ich hier, nach Gaia, gekommen sei, worauf ich nur antworten konnte, dass mein PC mich her gebracht hat, denn einen anderen Grund erkannte ich nicht. Die einzige Frage die mir bei ihrem Anblick in den Sinn kam, war wieso sie von den Runen und dem Hexenkult wusste, denn sie kleidete sich ja auch wie eine Schwarzmagierin.
Eine kurze Pause trat ein und sie antwortete, dass sie den Kult ins Leben gerufen hatte, doch selbst vor langer Zeit abgesprungen sei, da sich dies allmählich verselbstständigte und der Grundgedanke der Erhaltung des Lebens und der Zeitlinie immer mehr in den Hintergrund gedrängt wurde, was auch die katastrophalen Zustände der letzen Tage erklärte.
Sie erklärte auch, dass sie selbst die Magie als Einzige aus der Energie der Umgebung bezog, die anderen bezögen sie aus Gegenständen und unnatürlichen Energieträgern wie radioaktiven Stoffen.
Ich wollte noch wissen, warum wir genau hier seien und was es mit der Zerstörung der Kleidung auf sich hatte, worauf hin sie antwortete, dass die Kleidung komplett mit Maschinen, also ohne Leben gefertigt wurde, was dieser Ebene des Daseins nicht gefiel und da sie selbst diese Ebene geschaffen hatte und als eigentlich als einzige betreten konnte, wäre es ihr eigener Geist, der sich gegen Maschinen wende und so die Pflanzen zu Kleidung formte. Weiterhin redete sie davon, dass sie genau hier geboren wurde in dieser Hütte, die von ihrem Vater selbst erbaut wurde, auf dieser Lichtung, die einst ihre Mutter gefunden hatte und wo sie auch Serra zeugten und sie geboren wurde.
Sie gab außerdem zu, dass ihre Eltern durch einen Unfall gestorben seien, den Serra selbst zu verantworten hatte, denn sie hatte ihre Magie verwendet um Pilze zu sammeln, doch ein Pilz hing zu tief in einer Baumwurzel. Der Baum fiel eines Tages bei einem Waldspaziergang ihrer Eltern auf sie, ohne dass sie es bemerkten.

Sie machte sich seither Vorwürfe, dass sie bedachter hätte umgehen müssen mit ihrer Magie, doch ich beruhigte sie damit, dass sie noch jung war und nicht an Konsequenzen gedacht hatte, die ihr Handeln erzeugt.
Ich setzte mich auf die Wurzeln eines Baumes am Rande der Lichtung und sie gestand mir, dass sie mich niemals hatte vergessen können, nachdem ich zu ihr im Kindergarten immer nett war und sie mich seither schütze, so gut sie könne.
Ihre Magie schütze auch schon die ganze Stadt vor dem Einfluss der Hexen, wobei sie sich als Zauberin oder Schwarzmagierin bezeichnete, da sie anders war als die anderen.
Sobald ich einen Weg gefunden habe, herzukommen, wann immer ich wolle, solle ich sie besuchen kommen und sie verabschiedete sich von mir mit einer Umarmung, bei der ich förmlich die Magie von ihr spürte, die aus ihr entströmte, während sie sich nicht bewegte.

Im nächsten Moment saß ich wieder auf meinem Gymnastikball und meine Hand war wieder taub wie vorher, jedoch hatten sich die Ranken nicht gelöst und ich hatte nun einen permanenten Abdruck dieser auf meiner Haut. Der Gips fehlte zudem an meinem Bein, doch war es, als wäre alles geheilt und als ich unter meine Hose schaute, bemerkte ich, dass sich grüne Ranken durch meine Haut zogen, die anscheinend den Knochen stützten.
Ich sah noch kurz die Hütte auf dem Desktop und schon startete sich der PC neu.
Danach legte ich mich auf mein Bett und starrte an die Decke, an der in meinen Gedanken Ranken entlang wucherten. Ich schloss meine Augen und als ich sie wieder öffnete, waren die Ranken immernoch nicht weg, sondern wurden bloß flacher und färbten sich weiß wie die Decke. Ich stand auf und fasste an die Decke, an der ich deutlich die Formen spürte, die mich noch vor kurzem fast zerdrückt hätten. Mein Bett fühlte sich nun an, als würde ich auf Blättern liegen, anstatt auf einer Matratze, was ein zugleich angenehmes, wie auch ungewohntes Gefühl war.

Inzwischen war es laut der Uhr neben mir kurz nach 2 Uhr und ich lag vollkommen entspannt auf meinem Bett, als plötzlich ein lautes Krachen an meinem Fenster ertönte, was mich aufschrecken ließ. Ein Vogel war gegen das Fenster geklatscht und ich konnte genaue Konturen des Vogels am Glas und Federn in der Luft sehen.
Ich stand auf und bewegte mich zum Fenster, um den Vogel anzuschauen, der mit Sicherheit noch auf dem Boden lag, doch als ich das Fenster berührte, spürte ich einen starken Wind dahinter. Mit diesem unguten Gefühl schaute ich hinaus und sah einen Baum im Garten, der vom Wind sehr stark durchgerüttelt wurde und ich entschied mich, das Fenster wohl doch nicht zu öffnen.
Die Federn waren inzwischen weggeweht worden und ich sah durch das geschlossene Fenster einen Passanten auf der Straße, dessen Schirm förmlich zerdrückt wurde vom Wind.
Ich hatte scheinbar großes Glück, dass ich durch meinen Beinbruch nicht draußen war, als plötzlich Hagelkörner auf den zum zerreißen gespannten Schirm des Mannes und gegen mein Fenster prasselten. Nun schloss der Mann seinen Schirm und rannte so schnell er konnte zur Bushaltestelle 6 Häuser weiter, durch deren Dach er wenigstens nicht so direkt von den Naturgewalten betroffen war.

Selbst für den beginnenden Frühling, dessen erste Blumen inzwischen das Gras in meinem Garten verzierten, und der Gegend in der ich wohnte war dies ein auffallend unnormales Wetter. Ich dachte wieder an die Geschichten von Serra, in der sie Hexen erwähnt hatte, die für all das verantwortlich seien, doch glaubte ich nicht, dass Serra so wenig Kraft besitze, nicht einmal meine Straße zu schützen vor diesem verrückt erscheinenden Wetter.

Nur das Wetter beobachtend stand ich etwa eine viertel Stunde herum, bis die Tür klingelte. Vor ihr stand mein Bruder und erzählte mir, dass meine letzte Großmutter verstorben sei, als ein Ziegel vom Dach fiel während sie das Haus verließ.
Er kam neben ihr auf, doch starb sie an einem Herzinfarkt, der durch diese Schocksituation ausgelöst wurde.

Im nächsten Moment stand ich wieder am Fenster und es klingelte abermals die Tür.
Ich begrüßte, bevor ich ihn sah, meinen Bruder, der gerade eine traurige Nachricht überbringen wollte, und sagte seine Worte von eben voraus, doch es stellte sich heraus, dass der Papagei von meinem Bruder gestorben sei, den ich Monate lang gepflegt hatte. Mir fiel ein Stein vom Herzen als ich dies hörte.
Er erkundigte sich nach meinem Befinden, da ich mich seit Wochen nicht gemeldet hatte und ich erzählte ihm von ein paar blauen Flecken am Bein, da ich nicht auf die Ranken hinweisen wollte, doch brauchte ich einen Grund warum ich es nicht vollkommen belasten konnte.

Wir gingen rein und ich bot ihm etwas zu trinken an, doch er lehnte ab. Ich erzählte ihm von meinen seltsamen Computerviren, aber nicht von Serra und er meinte, dass ich mir das alles nur einbilden würde, denn etwas wie externe Viren konnte es rein physikalisch nicht geben, auch wenn wir das Jahr 2000 schon lange überschritten hatten.
Selbstverständlich wusste ich mehr über die Geschehnisse und deshalb hörte ich nur halbherzig auf seine Meinung dazu.
Nachdem wir uns noch eine kurze Weile unterhalten hatten, bot er mir an, mit ihm eine Rundfahrt in seinem neugekauften Auto zu machen, in dem ich rund vier Minuten später schon Platz genommen hatte.

Wir fuhren die Straße entlang, auf der ich Serra verfolgt hatte und kamen nach gut zwanzig Minuten an der Autobahnzufahrt an. Er wollte sein neues Auto nicht voll belasten und deshalb bewegten wir uns nur mit 50m/h vorwärts, was allerdings schon reichte, dass wir in knapp einer viertel Stunde zum Einkaufsbummel in einer großen Stadt ankamen.
Als das Auto in einem Parkhaus zum Stehen kam, stieg ich aus und bemerkte prompt ein Rütteln im Boden, als würde wieder ein Erdbeben auftauchen. Die Vibrationen legten sich jedoch binnen weniger Sekunden und wir gingen heraus. Ich schaute auf die Hochhäuser um meinen momentanen Standort und war erstaunt, dass ein Gebäude aus purem Glas neben mir in die Höhe ragte. Der Boden bebte wieder, doch mein Bruder schien es nicht zu bemerken.

Mit klarem Ziel gingen wir in einen Technikladen um Geschenke für die anstehenden Geburtstage der Familie zu besorgen. Drinnen erschien es mir wie ein Wunderland, da ich niemals so viel High-Tech-Geräte auf einem Platz gesehen hatte und mir fiel eine 200 Terabyte-Festplatte im Regal neben mir auf, die nicht einmal teuer war. Meine Gedanken sagten mir, dass da etwas dran nicht stimmen konnte, was mich dazu überredete, sie nicht meinem Bruder zu schenken. Er war inzwischen zwischen den Regalen in der Foto-Geräte-Abteilung auf der Suche nach Digitalkamerasoftware für seinen PC abgetaucht. Hinter mir erkannte ich eine schwarze Gestalt, doch als ich mich umdrehte, sah ich, dass es eine lebensgroße Statue eines Computerspielehelden war. Mit viel zu vielen Gedanken wendete ich abermals meinen Kopf um die Festplatte anzuschauen, doch dort lag keine Festplatte mehr. Jemand muss sie wohl genommen haben, als ich mich umdrehte.
Im nächsten Moment hörte ich die Ladendiebstahlssirene und wusste was genau geschehen war. Ich stürmte heraus und erkannte an der Kreuzung einen hochgewachsenen Mann, der ohne auf den Verkehr zu achten darüber rannte. Hinter mir tauchten Polizisten auf, die in den Laden gingen, doch ich sprintete los, mit einzigem Gedanken, den Dieb zu stellen.
Die Zeit verging wie im Fluge und ich wusste irgendwie immer wo er hin verschwunden war, als ich ihn nicht mehr sehen konnte. Ich folgte seiner Flucht bis zu einem großen Lagerhaus, hörte im nächsten Moment ein Zischen an meinem Ohr und blieb geduckt an der Hauswand stehen. Der Ladendieb hatte vermutlich eine Waffe bei sich und ich war vollkommen unbewaffnet, nicht einmal ein Handy hatte ich dabei, was es mir unmöglich machte, um Hilfe zu rufen. Kurze Zeit später hörte ich einen Motor anspringen, der ,als ob er schon Jahre lang nicht gewartet worden wäre, knarrte. Ich vernahm in weiter Ferne Polizeisirenen, doch fuhren die Wagen an dem Weg vorbei, in dem ich fest saß. Mit letzter Hoffnung rollte ich mich aus meiner Deckung und rannte los auf die angelehnte Tür des Lagerhauses, durch die der Verbrecher noch vor Kurzem verschwand. Das Auto verließ gerade durch ein offenes Tor die Halle als ich es erblickte, was mich zu Höchstleistungen anspornte. Meine einzigen Gedanken galten der Festplatte, die in diesem Moment durch ein Tor verschwanden. Ich wünschte mir, dass es doch bloß keine Fahrzeuge gäbe und plötzlich erbebte von Neuem der Boden, doch diesmal hörte es nicht mehr auf. Von weitem hörte ich Glas zerbrechen, als ich durch das Tor kam. Die Wände der umliegenden Häuser wankten bedrohlich und ich flüchtete aus der Zufahrt hinaus auf die Straße, wo kein Auto mehr fuhr.

Es sah aus, als hätten alle Fahrzeuge einen Motorschaden und die Fahrer bekamen panische Zustände. Eine Frau schrie, da sie ihre Tür nicht mehr auf bekam und stürzte sich aus dem Fenster auf die Straße. Das Haus über ihr drohte verdächtig zusammen zu stürzen und ich sah rund 60 Meter weiter wieder den Mann den ich verfolgt hatte.
Ich entschied mich, der Frau weg zu helfen und den Dieb vorerst entkommen zu lassen, doch dieser ging relativ ruhig die Straße entlang, wobei er sich öfters umschaute, was scheinbar von niemandem außer mir bemerkt wurde.

Die Frau befand sich inzwischen mitten auf einer Kreuzung und bedankte sich bei mir, als gerade das Gebäude einstürzte. Es gab so viel Staub, dass ich nichts sehen konnte, doch ich rannte los, auf dem Weg, den der Verbrecher genommen hatte und kam nach wenigen Minuten in einer Trümmergegend an. Ich stand nun direkt da, wo bis vor Kurzem noch das Glashaus stand und um mich herum waren alle anderen Gebäude auch eingestürzt, doch der Staub hatte sich bereits gelegt.

In weiter Entfernung sah ich den Dieb, der immernoch scheinbar seelenruhig dahin schlenderte. Ich rannte mir die Seele aus dem Leib, doch als ich dort ankam wo wenige Sekunden zuvor noch der Mann hätte sein sollen, war er verschwunden.
Im nächsten Moment spürte ich nur einen stechenden Schmerz in meiner Brust. Kurz danach hörte ich den Schall eines Schusses.
Ich fiel nach hinten um und mir wurde schwarz vor Augen, nachdem ich die Umrisse von etwas über mir sah.

Nach einer Ewigkeit wachte ich auf. Ich lag noch immer auf der Straße und es hatte sich eine kleine Menschenmenge um mich gebildet, doch scheinbar fehlte mir nichts, da ich kein Blut entdecken konnte, das eigentlich hätte da sein müssen. Dafür bemerkte ich allerdings ein großes Loch in meiner Jacke, das bis auf meine Haut hinunter zu gehen schien.

Ein Mann half mir auf und ich fragte ihn, warum denn alle hier stünden, worauf er antwortete, dass ein Schuss gehört wurde und ich im nächsten Moment auf dem Boden gelegen hätte, was inzwischen acht Minuten her war. Ich versicherte den Leuten nur, dass mir nichts fehle, obwohl ich mir da auch nicht so sicher war und rannte wieder los. Mein Gefühl leitete mich zu einem kleinen Luftschutzbunker außerhalb der Stadt. Mich wunderte es aber, dass ich so weit rennen konnte, obwohl ich von einem Schuss getroffen wurde und zusätzlich ein gebrochenes Bein hatte, wobei mir wieder in den Sinn kam, dass diese mysteriösen Ranken in mir vielleicht damit zu tun hatten, dass ich noch lebte und derartige Kondition hatte.

Auf der halb offen stehenden Tür des durch das Erdbeben verwüsteten Bunkers entflammte plötzlich das Pentagramm aus den Runen, die mir Serra heute morgen hinterlegt hatte.
Ich öffnete die Tür mit Vorsicht und trat ein. Eine lange Treppe leitete mich tief unter den Erdboden, von wo mir Hitze entgegenströmte.
Als ich am unteren Treppenabsatz ankam, sah ich ein Hölleninferno in der riesigen Höhle, vor dem der dubiose Mann stand und laut auf einer mir unbekannten, fremdartigen Sprache Gebete aussprach.

Von einer düsteren Vorahnung geleitet, ging ich so leise es mir möglich war auf den Mann zu.
In einer seiner erhobenen Hände hielt er die Festplatte, mit der er während seiner Beschwörung wirr herumfuchtelte.
Auf dem Boden lag eine Pistole, doch ich erkannte schnell, dass dies keine normale Pistole war, denn der Lauf leuchtete in blauem Feuer auf.
Ich hob aus mir unerklärlichen Gründen den Arm an und plötzlich schlossen sich viele der Ranken zu einer Klinge zusammen. Aus meinen Beinen kamen Wucherungen, die mich immer höher wachsen ließen, bis ich nahezu drei Meter maß. Mein anderer Arm bot eine riesige Fläche und über meinen Kopf wuchs ein Helm aus Pflanzen.
Ich stellte mir vor, wie ich wohl aussähe und musste bei dem Gedanken, ein Pflanzenritter zu sein breit Grinsen, wobei mir auffiel, dass sich mein kompletter Körper von Ranken umwickelt befand.

Meine Bewegungen waren nicht mehr zu hören, sodass ich sehr nahe an den Mann heran kommen konnte, bevor er mich bemerkte. Er drehte sich um und sprach ein Stoßgebet, woraufhin sich die Flammen hinter ihm teilten und ein Wesen aus Feuer kam.
Es sprang mich an und ich erkannte in der kurzen Zeit, dass es eine Großkatze darstellen sollte. Ich wehrte das Tier mit meiner Klinge ab und es stürzte zu Boden, wo es sich in Luft auflöste. Die Hand mit der er die Festplatte hielt fing plötzlich an zu glühen und ich schlug sie ihm mit dem Schild weg, wodurch die Festplatte auf den Boden fiel.

Die Erde über uns fing an zu dröhnen und kleine Brocken fielen auf den Höhlenboden.
Er musste ständig ausweichen, doch ich hatte einen Pflanzenhelm, durch den ich nichts abbekam. Kurz bevor ein großer Stein ihn unter sich begrub, beschwor er noch einen riesigen Dämon aus dem Feuer, der mich sogleich angriff. Ich merkte sogleich, dass ich keine Chance gegen ihn hatte, da er mein Schwert verkohlte, als ich nach ihm schlug. Es zerfiel zu Staub und meine Hand kam zum Vorschein. Ich duckte mich unter seinen Angriffen weg, hob die Festplatte auf und fing an zu rennen. Auf der Treppe, die auch schon teilweise von Steinen zerstört war, nahm ich immer viele Stufen auf einmal, was mir nicht sonderlich schwer fiel, da ich immernoch stattliche drei Meter maß. Ich kam an der Oberfläche an und der Dämon wollte gerade durch die Tür den Bunker verlassen, als ein Hydrant am Straßenrand vom Druck des Erdbebens platzte und sein Wasser versprühte.

Der Dämon zerfiel, als er vom Wasser berührt wurde und verschwand komplett.
Meine Pflanzenrüstung verdorrte augenblicklich und ich fiel fast eineinhalb Meter, bis ich mit dem Kopf zuerst auf dem Boden aufschlug und es mir wieder schwarz vor Augen wurde.

Als ich wieder erwachte, befand ich mich in Gewahrsam der Polizei, da ich angeblich die Festplatte gestohlen hatte, was ich nicht widerlegen konnte, da alle Beweise für die Polizisten unschlüssig gewesen wären und mir am Ende noch Mord angehängt würde.
Auf der Wache empfing mich mein Bruder mit einer Umarmung, doch auch er konnte nicht widerlegen, dass ich der Täter war. Inzwischen war es draußen dunkel und die Autos waren immernoch unbeweglich, nach dem zu urteilen was mir ein wegen Körperverletzung in Gewahrsam genommener Junge erzählte.

Die Nacht war äußerst ungemütlich auf dem kalten Zellenboden, doch träumte ich während meiner kurzen Zeit des Schlafes von Serra, die mir erzählte, dass ich auf einen Erzpriester ihres Kultes gestoßen sei und meine Rüstung wohl ein hübscher Nebeneffekt für Kämpfe mit übernatürlichen Wesen sei, den sie selbst noch nicht kannte. Des Weiteren versprach sie mir, mich am Tag hier heraus zu holen.

Als ich erwachte, sah ich Schatten an einem der mit Kraftfeldern vergitterten Fenster vorbeihuschen und vernahm dabei eine weibliche und eine undefinierbare Stimme.
Ein Wachmann war noch wach, doch er bemerkte laut seiner Aussage nichts, weshalb er mich für verrückt abstempelte und mir mildernde Umstände versprach, wenn ich ihn nicht vom Gegenteil überzeugte. Er drehte sich wieder mit seinem Stuhl um und setzte sich ein visuelles Gerät auf den Kopf, wodurch er kaum mehr etwas mitbekam.
Ich holte aus meiner Hosentasche eine Haarnadel und versuchte die Zelle auf zu bekommen, doch die Schlösser hatten anscheinend eine spezielle DNA-Verschlüsselung, wodurch es sinnlos erschien, sie mit einer Haarnadel zu öffnen.

Wieder wartete ich darauf, endlich einzuschlafen, als hinter mir in der Wand plötzlich ein kleines Loch erschien, durch das Mondlicht auf meinen Arm fiel und ich wieder die zwei Stimmen hörte. Durch das Loch fiel ein Schlüssel und ich bedankte mich leise, doch die Helfer waren bereits wieder verschwunden.

Zu meinem Bedauern passte der Schlüssel nicht in das Schloss, doch behielt ich ihn bei mir, da ich ihn vielleicht später noch gebrauchen könnte.
Im nächsten Moment war es heller Tag und auf einer Leinwand lief die Überwachungsaufnahme aus dem Geschäft, auf der deutlich der Erzpriester zu erkennen war und ich keinen Kontakt zur Festplatte hatte, bevor sie außerhalb des Gebäudes war, doch konnten die Polizisten nur sehen, dass der Diebstahlalarm bereits ausgelöst war, bevor ich auch nur in der Nähe der Tür war. Das war der fehlende Beweis meiner Unschuld am Raub, doch versuchten sie mir Beihilfe anzuhängen, was durch meinen Bruder widerlegt werden konnte, denn er sagte aus, noch nie zuvor mit mir in dieser Stadt gewesen zu sein, weshalb ich auch so erstaunt über das Angebot und die Gebäude war.

Durch diese Worte wurde ich frei gelassen, doch konnten wir trotz alledem nicht wieder nach Hause, da die Autos immernoch nicht funktionierten. Es ging nur das Gerücht von einem Motorradfahrer um, der sein Gefährt wieder zum Laufen gebracht hatte. Uns brachte diese Vorstellung leider nichts, da das Auto in Schutt begraben lag und zur Zeit nicht geborgen werden konnte. Wenigstens wurden keine Menschen in den Trümmern vermisst.

Am frühen Morgen standen wir endlich wieder außerhalb der Wache und ich atmete frische Luft ein. Wie ich mir gedacht hatte gab es keine Nachbeben und so kam es, dass in allen Medien von physikalisch unerklärlichen Erdbeben die Rede war, von deren Ursache anscheinend nur ich etwas ahnte. Leider hatte ich aber für meinen Teil bisher nichts über die brennende Pistole und die Festplatte herausgefunden, was ich nun wohl nicht mehr konnte.


Wir machten uns zusammen auf den Weg zum verschütteten Auto und bemerkten dabei überall Gerölllawinen und Staub auf der Straße. Es sah aus, als wäre ein Riese durch die Stadt gewandert und hätte alles vernichtet, was ihn störte, aber fast alles störte ihn hier.
Hin und wieder kamen wir an kleinen Gebäuden vorbei, denen nur einzelne Wände oder das Dach fehlten. Immerhin waren sie zum Großteil komplett und zum darin wohnen geeignet, was man nicht ohne Ironie von dem Steinmeer der Hochhäuser behaupten konnte.

Ich stand wieder einmal vor dem Glashaufen, der einmal ein Hochhaus gewesen war und schaute darauf, in der Hoffnung, ein Geheimnis zu erkennen, doch sah ich nichts außer den wenigen Metallverstrebungen, die verbogen unter dem Gewicht der Tonnen Glas lagen.
Plötzlich zog mich etwas an meinem Hemd und ich schaute auf ein kleines Mädchen mit staubigem Gesicht. Sie fragte mich, ob ich nicht ihren Teddy aus ihrem Wohnhaus holen könne, den sie liegen gelassen hatte. Schließlich zeigte sie die Straße herunter auf ein Häufchen Elend von Mann, der vor ihrem ehemaligen Haus stand. Sie erklärte mir, dass dies ihr Vater sei und zog mich förmlich dort hin.
Mein Bruder versuchte indessen kleinere Trümmer des Parkhauses wegzutragen, die dort lagen wo er sein Gefährt vermutete.

Das Mädchen stand nun an ihren Vater gelehnt und erzählte mir, dass unter den Trümmern ein großer Keller sei, wo ich ihren Teddy finden würde und der Vater fing an zu weinen, was er scheinbar schon eine Weile vorher öfters getan hatte, da dünne Linien auf seinem Gesicht Staubfrei waren. Er half mir unter Tränen, eine Wand von der Treppe zum Keller zu ziehen und ich stieg hinunter. Wie ich mir dachte, war hier unten alles heil geblieben, bis auf einen großen Riss in einer Wand. Dahinter entdeckte ich ein grünliches Leuchten, was mich mit meiner Neugier dazu veranlasste genauer nach zu schauen.
Glühwürmchen flogen herum und leuchteten einen Brunnen an, der hinter dem Mauerwerk versteckt lag. Ich trat die Mauer so weit ein, dass ich hindurch passte, was mir nicht sehr schwer fiel, da sie ohnehin nicht mehr sehr stabil war.

Nun stand ich neben dem Brunnen und schaute hinein, wo ich nur weit unten etwas schimmern sah. Ich dachte mir, dass dies wohl von den Glühwürmchen käme, doch als sie alle für einen Moment nicht am Brunnen waren, schimmerte es weiter auf dessen Grund.
Ein Glühwürmchen flog mir direkt vor den Augen vorbei und ich meinte zu träumen, da dies kein Insekt war, sondern fast menschliche Züge hatte. Kurz darauf setzte sich eines dieser Wesen auf mein Hemd, was sofort anfing zu kokeln. Ich scheuchte das Wesen weg und als ich auf meine Schulter schaute, war da wo es gesessen hatte kein Brandfleck, sondern etwas, das sich wie ein Pulver über das Gewebe legte.

Ich versuchte weiterhin herauszufinden, was diese Wesen waren, als mir wieder einfiel, warum ich hier unten gewesen sei. Der Teddy lag unverändert auf einem Stuhl im Raum vor dem Brunnen auf einem Märchenbuch. Mein Blick fiel auf ein kleines Wesen auf dem Einband, das eine große Ähnlichkeit mit den hier anwesenden hatte. Mir dämmerte, dass diese Tierchen eventuell Elfen sein könnten und das Pulver auf meiner Schulter Feenstaub sei.
Plötzlich stand das Mädchen neben mir, was mich sehr erschrak, da ich nicht mit ihr rechnete.
Sie verlangte ihren Bären und das Buch, doch ich musste noch kurz etwas nachblättern. Auf einer Seite stand, dass ein Kobold vor langer Zeit in eine Feenquelle gefallen sei und sich deshalb die kleinen Feen nicht ins Wasser trauten, wo sie eigentlich lebten.
Das Mädchen erkannte den Riss in der Mauer und die Feenwesen dahinter und fragte mich, ob von dort die kleinen Lichter kämen, die sie gestern Nacht gesehen hatte. Ich fragte sie, ob sie Angst habe, doch sie verneinte mit der Begründung, dass sie sich dann fröhlich fühlen würde, wenn diese Lichter um sie herum tanzten und sie vor dem bösen Wolf schützten.
Was sollte ich in diesem Moment anderes tun, als ihr die Wahrheit zu sagen. Sie hatte schon ihre Wohnung verloren, was weitaus schlimmer war als meine Position, deshalb entschied ich mich dazu, ihr die Feen zu zeigen und eventuell auch den Kobold aus dem Brunnen zu angeln, wenn er noch darin läge.

Als wir zu zweit den Raum betraten, verschwanden plötzlich die Feen hinter den Wänden. Ich ging an den Brunnen und schaute hinunter, in der Hoffnung, den Kobold zu sehen, doch war das Schimmern des Brunnengrundes verschwunden. Der Brunnen lag nun in völliger Finsternis und die Feen waren im Nichts verschwunden.

Ich erinnerte mich an einen Artikel auf einer Website, der besagte, dass man Elfen nicht anlocken konnte, wenn man kein reines Herz besaß, doch ich hatte sie bereits angelockt. Das Mädchen musste wohl die Elfen vertreiben, doch sie sagte auch, dass sie die Elfen bereits gesehen hatte. Mein Blick fiel auf den Teddy, der reglos in ihrer Hand hing, doch nun leuchtete er violett. Ich erklärte ihr, dass die Elfen vielleicht Angst vor dem Teddy hatten, weil er so groß sei und überzeugte sie mit einigen Worten davon, ihn noch mal auf den Stuhl zu legen, damit er nicht verloren ginge. Kaum hatte sie den Raum verlassen, tauchten die grünlichen Lichter wieder auf und erhellten den Brunnen. Nach wenigen Sekunden stand sie wieder neben mir und staunte nicht schlecht über die vielen hundert Leuchtpunkte um den Brunnen. Ich setzte mich auf den Brunnenrand um besser herab klettern zu können, doch flogen kurzerhand viele dieser kleinen Elfen vor mein Gesicht und eine etwas dickere hatte ein Blumenkleid an. Ich konnte sie verstehen, als sie mir ausführlich darlegte, dass dies auf dem Brunnengrund kein Kobold sondern ein dunkles Monster war und ich nichts gegen es tun könne.
Ungehindert dieser Worte kletterte ich hinunter. Ich merkte wie ich plötzlich den Halt verlor, da ein Stein mit Moos nur so überwuchert war. Das Wasser kam immer schneller auf mich zu und als ich es fast berührte hielt mich etwas fest. Ich konnte nicht erkennen was es war, da hier unten kein ausreichendes Licht vorhanden war, doch sah ich einen riesigen Schirm über mir. Ich griff zur Seite um mich an der Brunnenwand fest zu halten, wo ich auf etwas Lebendiges traf. Ich fühlte in meiner Hüfte, die Tastbewegungen von mir selbst und erkannte nach wenigen Sekunden, dass ich selbst mich irgendwie in der Luft hielt. Das Leuchten auf dem Brunnengrund war inzwischen nicht mehr weit entfernt, sodass ich dachte, ich könnte es mit meinem Arm erreichen. Ich holte tief Luft und ließ meine Muskeln locker, wodurch ich in das eisige Wasser fiel. Kaum, dass ich das Wasser berührt hatte, brannten meine Lungen, als wäre Feuer in ihnen. Um dem Schmerz zu entgehen, ließ ich die komplette Luft heraus, doch hatte ich nun keinen Sauerstoff mehr für meinen Körper. Ich sank immernoch und schaute dabei hoch in Richtung der Wasseroberfläche, die durch Luftblasen gekräuselt war.
Meine Blicke wurden nach wenigen Sekunden verschwommen und ich nahm nichts mehr wahr. In meinem Todeskampf atmete ich das Wasser um mich herum ein, das seltsam schmeckte. Es war auffallend trocken in meinem Mund, als ich wieder die Augen aufschlug.

Ich konnte scheinbar das Wasser atmen, als wäre es normale Atemluft, wobei ich auch merkte, dass ich mich nicht in wirklichem Wasser aufhielt, denn es gab keinen Auftrieb. Wieder befand ich mich in einem freien Fall, doch konnte ich mich diesmal nicht selbst abfangen, da die Brunnenwände kilometerweit weg erschienen.
Mein einziger Gedanke in diesen schrecklichen Sekunden der Ungewissheit war, dass dies ein Elfenbrunnen sei und hier die physikalischen Gesetze nicht galten. Weit unter mir konnte ich hellbraunen Sand entdecken, der von einer unsichtbaren Lichtquelle beleuchtet wurde. Es war als befände ich mich wieder in einem Traum, doch kam der Boden ständig näher und ich hatte keine Chance zu überleben nach diesem tiefen Fall.
Im nächsten Moment stand ich auf dem Boden uns sah mich selbst vom Himmel fallen, was eine äußerst perplexe Handlung hervorrief. Mein zweites Ich fiel immernoch und war gerade noch zwanzig Meter vom Boden entfernt, als ich lossprintete um mich zu fangen.
Mein Problem an der Sache war, dass ich mich erst erreichen würde, wenn ich bereits weniger als ein Meter vom Boden in der Luft sei. Ich rannte um mein eigenes Leben und sprang ab, als mein Körper kurz über dem Boden war. Durch die Wucht meines rekordverdächtigen Sprunges, riss ich mich auf eine horizontale Flugbahn, was den sicheren Tod durch den Fall verhinderte. Während des kurzen Fluges zerlief mein momentaner Körper und ich kam in dem eben gefallenen Körper wieder zu Bewusstsein, von wo aus ich gerade noch eine weiße Silhouette erkannte, die auf den Boden tropfte.
Mir wurde wieder kalt, als ich aufstand und in dem Sandboden leicht einsank. Ich sah um mich herum nur eine riesige Wüste aus Sand, aber erkannte deutlich, dass ich unter Wasser war, denn seltsam geformte Fische schwammen in der vermeintlichen Luft um mich herum, auch kam ich nur langsam voran, so wie ich es nur von Wasser kannte.
Ich legte mich auf den Boden und begann mit den Füßen zu paddeln, in der Hoffnung, dass sich das Wasser wenigstens zum Schwimmen eignete, doch das einzige was passierte war, dass ich Sand in den Mund und die Nase bekam, was äußerst unangenehm war.
Es wurde schlagartig dunkel und kurze Zeit später wieder hell. Mein Hemd war zerrissen und es trat Blut aus drei tiefen Rissen in meiner Brust aus. Die Worte der Elfenanführerin hatten sich bewahrheitet: Es gab ein finsteres Monster, das es galt zu bezwingen, bevor ich starb.
Ich machte einen Schritt nach vorne und merkte, dass ich vom Boden abhob. Meine Füße waren zu Flossen geworden und als ich mich weiter beobachtete, merkte ich, dass grüne Schuppen über meine Haut wuchsen, mein Genick sich ausrenkte und meine Kiefer größer wurden. Mir wuchsen riesige Reißzähne wie einem Säbelzahntiger und mein Unterkiefer verschob sich nach hinten.
Mein Körper wurde von den Ranken in mir in die Form eines Fisches gedrängt und bald konnte ich auch meine Arme nicht mehr frei bewegen.

Ich fühlte mich frei im Wasser, doch wusste ich, dass ich nun einen weiteren Gegner besiegen musste, von dem ich diesmal nicht einmal die Gestalt kannte. Ein Schatten kam auf mich von vorne zu und ich wich geschickt aus und schnappte dem Schatten hinterher. Scheinbar hatte ich durch Zufall den Körper des Monsters getroffen, da plötzlich um mich herum überall Blut war. Auch ich wurde getroffen, doch merkte ich nur wenige leichte Schrammen an meiner Bauchflosse. Ich schwamm höher und konnte plötzlich keinen Boden mehr unter mir sehen, da alles von einer pechschwarzen Masse bedeckt wurde. Die kleinen Fische flohen hoch zu mir und ich schwamm langsam rückwärts. Plötzlich kamen sie verschreckt wieder an mir vorbei zurück geschwommen und ich drehte mich um, sah einen riesigen Kiefer. Nach wenigen Sekunden sah ich wieder Licht, doch kam es von einer einzelnen Elfe, die scheinbar schon lange hier war, im Magen des Monsters.
Mein Körper wandelte sich weitestgehend wieder in den Normalzustand um, jedoch blieben meine Füße Flossen, was mir zumindest half, mich fort zu bewegen. Ich schaute auf meinen Bauch und erkannte zu meinem Schrecken, dass jegliche Haut fehlte und es trotzdem nicht blutete oder weh tat. Mein Magen machte einen seltsamen Hüpfer und ich merkte kurz darauf, dass ich Hunger hatte. Bei diesem Anblick musste ich sehr mit mir ringen, um nicht zu erbrechen.
Ich schaute demonstrativ in die Höhe um meine verlorene Bauchdecke nicht zu beobachten. Die Elfe sprach mich an und wir unterhielten uns über das feige Verhalten der anderen, die sie im Stich gelassen hatten. Mit einer schnellen Bewegung hielt sie einen Gegenstand in die Höhe, den ich nicht auf Anhieb erkannte.
Es war eine kleine Form des Teddybären, der dem Mädchen gehörte, jedoch war er vollkommen grün leuchtend. Ich schloss daraus, dass diese Hälfte des Bären die Gute sei und sie die Böse in der Realität hätte, weshalb die Elfen auch ausgerissen seien, als sie ihn erkannten. Die Elfe belobte mich, dass ich so schlagfertig sei, doch gab es einen Unterschied zu meiner These: Der Körper des Teddys war in den Händen des Mädchens und dieser Teil hier sei die Seele, weshalb er auch grün leuchte.
Hätte ich nicht in den letzten Tagen derart unerklärliche Dinge gesehen, hätte ich die Elfe für verrückt abgestempelt, einem Plüschtier eine Seele anzugedeihen.
Des weiteren erklärte sie mir auch, dass ich nur eine Chance hätte aus dem Körper des Monsters, in dem wir beide steckten, zu kommen und zwar, dass das Mädchen den Körper des Teddys in den Brunnen wirft, damit das Monster ihn aufesse und die beiden ungleichen Hälften wieder zusammen gefügt werden können. Ich entschied mich, es eher auf die alte Tour zu machen und hob meinen Arm wie bei dem Kampf mit dem Hohepriester, woraufhin daraus eine Klinge wurde. Allerdings erkannte ich bereits nach dem zweiten Schlag auf die Magenwand, dass dies ein sinnloses Unterfangen war, da mein Schwert von der Säure weggeätzt wurde und keinerlei Schaden entstand.

Ich brütete inzwischen etwa eine halbe Stunde an einem Plan, dem Mädchen mitzuteilen, dass es den Teddy herein werfen sollte, doch kam mir keine gute Idee. Die Elfe fragte mich gelangweilt, ob es noch einen anderen Weg gäbe, außer dass ich ausbrechen würde, doch mir fiel nichts ein, was brauchbarer wäre, als um Hilfe zu rufen, bis jemand mich hörte.
Sie flog auf mich zu, als ich mich endlich hingesetzt hatte und hielt nicht vor meinem Kopf an, sondern drang durch die Stirn in ihn ein. Ich hatte unglaubliche Krämpfe und erwachte kurze Zeit später zusammengekrümmt auf dem Boden des Monstermagens, während die Elfe nur den Kopf schüttelnd etwas in der Hand hielt, was ich nicht erkannte. Als ich diesen Gegenstand in der Hand hatte, erkannte ich, dass es eine Kristallkugel war, in der etwas herunterfiel und etwas anderes, komplett weißes es abfing bevor es aufkam. Sie half mir auf die Sprünge, indem sie mir sagte, dass dies vor etwa einer dreiviertel Stunde erst passiert war. Ich hatte immernoch keine Ahnung, was sie meinte, woraufhin sie mir schilderte, dass dies eine meiner Erinnerungen sei und ich mich selbst sah, wie ich herunter fiel und mich selbst auf fing.

Mit diesen Worten fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Mein anderes ich war noch irgendwo da draußen im Boden, nachdem es verlaufen war. Ich versuchte es zu erwecken, doch alle Versuche schlugen fehl. Ich versuchte es stehend, liegend, betete zu allen mir bekannten Göttern, entspannte mich, konzentrierte mich, doch es half nichts.
Die Elfe hatte inzwischen schon mehrfach ihr zweites ich herbeigerufen und wieder verschwinden lassen.
Als ich dann auf die glorreiche Idee kam, sie zu fragen, wie sie das mache, sagte sie, sie tausche einfach ihren Körper mit ihrem Geist aus. Ich verstand zwar wieder kein Wort von dem was sie mir versuchte zu erklären, dennoch funktionierte es plötzlich. Diesmal stand ich auf dem Sand und konnte die seltsamen Fische wieder vor mir entdecken.

Ich schaute an mir herab und bemerkte, dass ich komplett weiß war und dachte ich sei endlich frei, das zu tun, wofür ich diesen Körper besaß. Kaum hatte ich den Gedanken zu Ende gedacht, befand ich mich wieder im Monstermagen und die Elfe lachte mich aus. Sie sagte kichernd, dass ich nicht denken dürfe, wenn ich in dieser Form unterwegs sei, sonst würde ich nach dem Gedanken wieder verschwinden.
Mein nächster Versuch klappte besser und ich kam sogar so weit, dass ich die Wasseroberfläche durchbrach. Leider war ich so in einem Freudentaumel, dass ich vergaß nicht zu denken und prompt saß ich wieder im Monstermagen. Die Elfe kriegte sich nicht mehr ein und hatte bereits Schmerzen von ihren Lachkrämpfen.

Eine geschlagene Stunde brauchte ich, um wieder die Wasseroberfläche zu erreichen und schließlich zu merken, dass ich nicht ohne den Kontakt zu dem Brunnenwasser existierte. Ich flog als Luft hoch und konnte beobachten, was die Elfen und das Mädchen machten, doch bemerkten sie mich nicht.
Ich dachte mit Absicht darüber nach, wie ich ihnen erscheinen könne, woraufhin ich wieder an der Magenwand anlehnte.
Wir berieten noch eine lange Zeit über dieses Problem, bis ihr einfiel, dass es ja noch Steine gab, die an der Brunnenwand leicht herausnehmbar waren.
Bei meinem nachfolgenden Versuch schaffte ich es tatsächlich, einen Stein zu lösen und ihn hoch zu werfen. Diesmal bestand aber das Problem darin, dass der Stein zwar hoch flog, aber nichts Berührte und ungehört wieder herunter kam.
Ich ärgerte mich, wodurch ich schon wieder in der minimal erleuchteten Finsternis saß.
Einen letzten Versuch wollte ich starten, als gerade der Schlund auf ging und etwas neues herein kam. Es war der Teddy, den wir vergeblich versucht hatten zu holen.

Die Elfe versteckte sich hinter mir, da sie den Anblick des bösen Teils des Plüschtieres genauso wenig ertrug wie ihre Artgenossen.
Mit ihren Anweisungen verband ich die zwei Stücke des Teddys und im nächsten Moment saß ich auf dem sandigen Boden, aus dem nun rasch Korallen und Algen wuchsen, die uns bald einschlossen.
Kurz darauf kamen Lichter vom Himmel herunter, von denen ich inzwischen wusste, dass es die Elfen aus dem Brunnenraum waren.
Die kleine Elfe, mit der ich im Magen saß, verabschiedete sich mit einem Gruß und einem seltsamen Wort.
Meine Flossenfüße halfen mir bei dem Aufstieg in den Himmel, durch den ich in den Brunnen gelangen konnte und nach kurzer Zeit saß ich wieder auf festem Boden neben dem Brunnen.
Das kleine Mädchen wirkte leicht verstört, weil es so lange alleine war und keinen Teddy hatte, weil die Elfen ihr befahlen ihn, herunter zu werfen, doch ich zauberte hinter meinem Rücken den blau glühenden Teddy her. Sie fragte mich warum er denn gerade blau glühe, worauf ich nur antwortete, dass es ein Geschenk der Elfen war, das sie immer warm halten sollte und an das Wasser aus dem Brunnen erinnert.
Mein Bauch war anscheinend wieder geschlossen, da das Mädchen keine Gedanken daran verschwendete.
Als wir den Raum durch den Spalt verließen, baute sich die Mauer von selbst wieder auf und das Mädchen verstand warum der Teddy sie an die Elfen erinnern sollte, denn durch die Magie kam den normalen Menschen eine Gedächtnislücke zustande.

Über uns sahen wir keine Lichtstrahlen mehr aus der Decke und die Treppe war auch frei von Trümmern. Ich nahm sie an die Hand und ging mit ihr die Treppe hoch, hinter der eine Tür stand. Mein Gefühl sagte mir, dass alles wieder errichtet war, doch meine Instinkte sagten, dass hier irgendetwas nicht stimme.
Mit Vorsicht öffnete ich die Kellertür und erblickte einen kleinen Hund zu meinen Füßen, der mich mit tiefbraunen Augen anstarrte. Im ersten Moment hatte ich einen Schrecken, da ich nicht mit etwas derart kleinem rechnete, doch das Mädchen drängte sich an mir vorbei und umarmte ihn herzhaft.
Beruhigt verließ ich das Haus, nachdem mich der Vater fragte, wer ich sei und warum ich aus dem Keller käme, auf was ich mit der geschickten und wahren Ausrede, dass seine Tochter mich auf der Straße getroffen hätte und sie ihren Teddy suchte, antwortete.

Ein Blick über die Straße genügte mir, um zu erkennen, dass alles war wie vorher, bloß dass immernoch keine Fahrzeuge fuhren. Auf dem Bürgersteig stand ein verwaister Kinderwagen, der sich trotz des Windes und der leicht abfallenden Strecke nicht bewegte. Ich ging hin und versuchte ihn weg zu drücken, doch er stand weiterhin wie aus Stein an seinem Fleck.
Ein kleiner Junge warf aus einem Fenster eines höheren Hauses einen Papierflieger, der zu Boden fiel, als wäre er in Blei getaucht gewesen.
Anscheinend waren ausnahmslos alle Fahrzeuge bewegungsunfähig und deshalb würde ich noch weitere Tage hier festsitzen, auch wenn es lange nicht so schlimm sei, wie die Situation, in der sich die Gebäude noch vor kurzem befanden.

In der Hoffnung, die seltsame Festplatte beim Händler vorzufinden, ging ich wieder dort hin, aber die Platte wurde laut Verkäuferin vor weniger als fünf Minuten verkauft an einen hochgewachsenen Mann. Ich fiel aus allen Wolken, als mir die Erinnerung an den Erzpriester und dessen Dämon wieder auftauchte. Die Verkäuferin beruhigte mich nach dem ängstlichen Blick meinerseits, dass sie den Mann persönlich kenne und er wenige Straßen weiter wohne.
Mit der Adresse bei mir ging ich den beschriebenen Weg entlang und kam vor einem kleinen nicht ganz bruchsicher erscheinenden Haus an, das von Efeu und Knöterich umwuchert war.

Es kam mir so vor, als stünde ich inmitten eines Waldes, als ich den kleinen Vorgarten, der durch Giersch und Laub der riesigen Ahornbäume vollkommen verdeckt war, betrat.
Auf den drei Metern zur Vordertür stolperte ich über zwei Wurzeln und trat in ein Schlagloch, was mich schließlich zu Fall brachte und ich mit der Stirn zuerst auf der Holztreppe landete.
Ich war bei vollem Bewusstsein, konnte mich aber nicht bewegen, da ich mir scheinbar einen Nerv der Wirbelsäule geklemmt hatte, doch es tat nicht weh. Der Mann stand plötzlich vor mir und half mir in sein Heim, legte mich auf ein großes Sofa in seinem geräumigen Wohnzimmer und rief einen Freund an, der eine Akupressurpraxis betrieb.
Ich erzählte ihm wie ich an seine Adresse kam und als ich gerade von meinem Sturz im Vorgarten anfing, klingelte es an der Tür. Der Therapeut kam herein und begutachtete erst einmal meine Wunde, ging dann vor die Tür, um meinen Sturz nachzukonstruieren, setzte sich auf meinen Rücken, nachdem er mich herumdrehte und schlug mir einmal auf einen Halswirbel, was mir solche Schmerzen verursachte, dass ich mich zusammen zog. Als ich gekrümmt auf der Couch lag, merkte ich, dass ich wieder Gefühl in den inzwischen tauben Extremitäten hatte, doch mein Hals hatte ziemlich unter der Therapie gelitten.

Nach einer Weile setzte ich mich hin, als der Mann gerade den Therapeuten verabschiedete und ich sah zum ersten Mal, dass ich von hier drinnen alles außen so sehen konnte, als würde überhaupt kein Gestrüpp über den Fenstern hängen.
Der Himmel schien seltsam blau in das Fenster hinein und auf dem Holzboden spiegelte er sich in den Bruchstücken einer Scheibe. Die Scheibe gehörte scheinbar nicht in das Fenster dahinter, denn sie war weitaus zu klein und in dem Fenster war bereits eine Scheibe zu sehen.

Während dieser wenigen Augenblicke hatte sich der Mann neben mich gestellt und schaute auch auf die Scheibe, woraufhin er mich fragte, was ich gerade dachte.
Ich beschrieb ihm meinen Gedankengang zum Auftauchen der Scheibe, doch er winkte ab und fragte mich spezifischer, warum ich hier sei. Um ihm kein schlechtes Bild von mir zu geben, sagte ich aus, ihn auf der Straße gesehen zu haben und dann sei er verschwunden. Wenige Minuten später hätte ich ihn die Straße entlang gehen sehen, doch er wäre bereits zu weit entfernt. Deshalb ginge ich zur Verkäuferin und fragte sie nach ihm.
Er glaubte mir kein Wort und erpresste mich so lange mit Blicken, bis ich ihm gestand, dass ich hinter der Festplatte her war.

Mit einem Blick auf die Festplatte und wieder zu mir sagte er mir, ich müsse erst eine Prüfung bestehen, bevor ich sie haben dürfte.
Er geleitete mich, nachdem wir Tee getrunken hatten in den Keller, der von fluoreszierenden Kristallen hell erleuchtet wurde.
Ich wusste immernoch nicht, was die Prüfung war, doch er ging wieder aus der Tür hinaus und plötzlich wurde alles um mich herum schwarz. Die Kristalle hörten auf zu leuchten und mir drückte etwas die Kehle zu. Ich griff nach meinem Hals, doch konnte ich nichts spüren, außer dass ich große Schmerzen hatte, wo mir der Therapeut hingeschlagen hatte.
Im nächsten Moment nahm ich meine Hände wieder weg und spürte abermals den Druck an meiner Kehle. Ich hielt die Luft an, schloss meine Augen und merkte als ich sie schloss, dass alles um mich herum taghell durch meine Lider leuchtete. Das, was mir die Kehle zu drückte, war augenblicklich verschwunden. Ich machte komplett blind einen Schritt vorwärts und fiel plötzlich. Während ich fiel, öffnete ich vor Schrecken die Augen und sah um mich herum einen Schacht, der in allen Farben leuchtete. Bei dem Versuch, die Muster zu erkennen, an denen ich vorbei fiel, wurde mir plötzlich weiß vor Augen und ich erinnerte mich erst wieder an etwas, als ich auf einem Parkettboden lag.

Unter Schmerzen versuchte ich die Orientierung zu finden. Ich konnte nicht aufstehen, da sich wieder alles taub anfühlte und zusätzlich Seile um meine Arme gebunden waren. Meine Beine konnte ich nicht sehen, weshalb ich nicht wusste, was mit ihnen passiert war.
Ein kleines Männlein von etwa Ellenlänge stand im nächsten Moment vor mir und brabbelte mir etwas unverständliches entgegen. Die einzigen Worte, die ich einigermaßen in dem fremdartigen Dialekt des Zwerges verstand, waren König, Himmel und Gefangener.

Mein einziger Gedanke außer hier frei zu kommen, war, wo ich denn nun gelandet sei. Ich hörte einige kleine Knaller und um mich herum standen zehn dieser kleinen Männlein mit Gugeln, die mich losschnürten und auf ein Brett mit würfelförmigen Rollen zogen. Während sie meinen Kopf anhoben, konnte ich meine Beine sehen, die von seltsamen Pflanzenwucherungen verdeckt waren. Einer der Zwerge sprach so langsam, dass es schon beinahe eine Qual war, ihm zuzuhören, doch wenigstens konnte ich seine Aussprache verstehen, auch wenn er mir unbekannte Begriffe verwandte. Scheinbar hatte er ein hohes Ansehen, was ich an dem Respekt der anderen Zwerge ihm gegenüber und der Tatsache, dass er alle kommandierte, ablesen konnte.
Nach einem scheinbar Stunden dauernden Marsch durch einen Gang von etwa zweihundert Metern kamen wir vor einer großen Holztür an. Ein junger Zwerg klopfte mit einem Türklopfer, der etwa doppelt so groß war, wie er selbst, an und die Tür glitt geräuschlos auf.

Wir kamen in einen Raum, der größer war als eine Fabrikhalle in meiner Vorstellung, an und die Zwerge verbeugten sich vor dem alten Zwerg, der sich vor dem Thron aufgebaut hatte.
Der König, wie ich mir so dachte, sprach sehr schnell und ich fragte den langsamen Zwerg, ob er das was der König sagte, wiederholen könne.
Die Zwerge sprangen hinter einige Stühle und Kisten, als sie mich hörten. Ich registrierte schnell, dass ich, für sie unerwartet, gesprochen hatte, bis endlich der König hinter seinem Thron heraus kroch. Sein Gugel war nun etwas verrutscht, weshalb er mich nicht gut sehen konnte. Er erinnerte mich sehr an einen mittelalterlichen Bauern, doch wusste ich, dass Zeitreisen, durch komplexe Rechnungen bewiesen, unmöglich waren.

Ein anderer junger Zwerg kam in den Raum gestürmt und schrie voll Panik etwas zum König. Der König hingegen schaute mich immernoch entsetzt an und seine Untertanen tauchten wieder aus ihren Verstecken auf.
Binnen Sekunden stand der Langsame neben mir und forderte mich auf, meinen Namen zu nennen und die anderen Zwerge gesellten sich zu ihm.
Sie fragten mich über meine Herkunft und andere Dinge, die für sie interessant waren aus, während der König den kleinen Botenjungen ausquetschte, wie ich aus meinen Augenwinkeln sah.
Ich beantwortete alles nach bestem Gewissen, da ich nicht wusste, ob sie über telepathische Fähigkeiten verfügten, was ja gut möglich sein konnte bei dieser mir gänzlich unbekannten Art von Leben.

Plötzlich sprachen die Zwerge leiser und ihre Befragung endete abrupt. Nur wenige flüsterten noch miteinander. Ein lautes Wummern im Boden deutete an, dass etwas großes umher lief und immer näher kam. Die Schritte verstummten und die Zwerge schauten mit Entsetzen auf die Tür, aus der zuvor der Botenjunge kam, kurz darauf sah ich nur noch Holz umher fliegen und die Zwerge versteckten sich unter Schreien. Ich lag vollkommen offen auf dem Boden, ohne mich wehren zu können und ein Schatten verdunkelte meine Sicht. Alle Geräusche wurden seltsam gedämpft und mein Körper rollte im gleichen Augenblick zur Seite.

An die folgende Zeit erinnerte ich mich nicht mehr, doch das erste was ich wieder wusste war, dass um mich kilometerhohe Bäume standen und ich unter einem klaren Nachthimmel auf dem kühlen Erdboden lag. Ich konnte mich wieder frei bewegen und stand auf. Es kam mir so vor, als würde ein Elefant in meinem Kopf steppen, doch dieser Elefant schrumpfte innerhalb von Sekunden zu einer Antilope. Ich lehnte mich an einen Baum und schaute gen Himmel, wo ich viele unbekannte Sternbilder entdeckte.
In dem Baum hinter mir bebte etwas, er leuchtete an einer Stelle grell auf und ein weibliches Wesen stand davor, als sich das Leuchten legte. Das Wesen war vom Oberkörper her ein Mensch, doch mit violetter Haut und Tatooähnlichen Mustern darauf und ihr Unterkörper war scheinbar der eines Pferdes, mit beige-braunem Fell bewachsen. Sie hatte die vier Beine eines Pferdes mit entsprechenden Hufen und an ihrem Oberkörper befanden sich zwei menschliche Arme. Ich erinnerte mich an ein Buch aus der griechischen Mythologie, in der solche Wesen Zentauren genannt wurden, doch in einem anderen Buch waren diese Wesen als Dryaden bezeichnet worden.
Da Zentauren in diesem griechischen Buch nur als männlich aufgeführt worden waren, entschied ich mich dazu, sie als Dryade zu behandeln.

Sie sprach mich an, doch ich hörte keines ihrer Worte, weshalb sie mit ihren Hufen Zeichnungen auf den Boden machte, als sie mein Problem erkannte.
Auch die Zeichnungen konnte ich nur erraten, doch wenigstens schien sie mir freundlich gesinnt. Sie winkte mir, auf sie aufzusteigen und ich tat es, wie sie mir befahl.
Ich bekam Angstzustände, als sie mehrfach äußerst knapp an Ästen und Dornensträuchern vorbei raste, doch konnte ich mich auf ihr halten. Dies war das erste Mal in meinem Leben, dass ich geritten war und es fühlte sich so frei an.

Nach der kurzen Reise durch das Unterholz kam sie auf eine riesige Lichtung und ich erkannte in weiter Ferne ein Feuer, um das einige Kreaturen herum saßen.
Sie trabte auf das Lager zu und als wir nur noch wenige Meter entfernt waren, drehten sich einige der Kreaturen um. Es waren riesige Bären, weitere Dryaden, blau leuchtende Wölfe, und weitere Waldbewohner, die mich anstarrten, als käme ich aus einer anderen Welt.

Eine der Krähen leuchtete auf und verwandelte sich in einen zu kurz geratenen Menschen, der mich dann in einer seltsamen Sprache ansprach. Ich versuchte zu antworten, doch beherrschte ich deren Sprache nicht, weshalb ich mich nur mit einer simplen Zeichensprache vorstellte.
Als ich meinen Namen aussprach krümmten sich plötzlich die Dryaden mit schmerzverzerrten Gesichtern. Der Krähenmann schaute mich voll Entsetzen an, als er die Dryaden erblickte, von denen sich einige auf den Boden geworfen hatten. Ein Wolf kam auf mich zu und biss mir in meinen linken Arm. Ich war total perplex und merkte nicht, dass mein Arm blutete, als der Wolf an seinen Platz ging. Ein Bär brummte etwas in sich hinein und plötzlich verstand ich Worte, die er sagte, allerdings verstand ich trotzdem nicht die Sprache des Bären.
Ich hörte auch die vor Schmerzen schreienden Dryaden, die extrem hohe Stimmen hatten.

Im nächsten Moment lag ich am Boden und mehrere Dryaden hatten sich um mich gestellt. Die ersten Sonnenstrahlen waren bereits erkennbar. Ich hatte geträumt, dass ich in einem riesigen Labor in einem Wassertank schwamm und Wissenschaftler sich vor meinen Augen über etwas berieten. Auf der anderen Seite des Ganges schwamm ein Mädchen mit Metalloberkörper und Stahlflügeln in einem Wassertank, doch es hatte die Augen geschlossen. Einer der Wissenschaftler sah mir ins Gesicht und damit war der Traum zu Ende.

Ich merkte im nächsten Augenblick, dass ich am ganzen Körper Krämpfe hatte und ein anderer Mann sich über mich beugte und mir etwas in den Mund kippte. Dieses Sirup hatte einen üblen Geschmack, aber meine Muskeln erschlafften augenblicklich und die Krämpfe waren vorüber. Für etwa eine Minute bewegte ich mich bewusst nicht und als ich mich dann aufraffte, spürte ich nicht einmal Nachwirkungen der Krämpfe.

Über den Köpfen der Waldbewohner kam schon eine verhältnismäßig winzige Sonne zum Vorschein, als wir uns auf den Weg zu einer Höhle in einer Felsformation begaben. Ich lief aus eigenen Kräften und mir wurde sehr schnell heiß, denn die kleine Sonne hatte durch eine wesentlich größere Sonne Verstärkung erhalten und nun brannten diese beiden Sterne in meinem Nacken. Als ich mich klatschnass geschwitzt hatte, nahm mich einer der Bären am Rücken und legte mich in einer Bauchtasche ab. Ich wusste nun auch, wie sich kleine Beuteltiere fühlen mussten, wenn sie umher geschleppt wurden. Wir kamen sehr viel schneller voran, da sich die Krähenmenschen zu Krähen verwandelten und so auch die letzten Langsamen aus unserer Karawane weg waren. Durch die regelmäßigen Bewegungen des rennenden Bären döste ich ein und erwachte im Innern der Höhle wieder, als mich der Bär von seinem Unterleib entfernte.

Von meiner Position aus sah ich, dass vor der Höhle der Boden förmlich glühte. Es regnete auch, doch die Kieselsteine am Boden waren so stark erhitzt, dass das Wasser auf ihnen sofort wieder zu Gas wurde. Ich hörte hinter mir eine raue Stimme und als ich mich umwandte, erkannte ich, dass sie von einem der Wölfe kam. Seltsamerweise verstand ich nun die Sprache dieser Waldbewohner. Er fragte mich, woher ich kommen würde und ich erzählte ihm von den Zwergen, die ihm seiner Reaktion nach wohlbekannt waren.

Innerhalb weniger Bruchteile einer Sekunde war das Licht weg und ich sah nur noch blaues Glühen vor mir. Ich sah über meine Schulter dort hin, wo vor kurzem noch Licht war, doch alles war dunkel. Der Wolf erklärte mir, dass die Sonnen immer für kurze Momente gegenseitig das Licht absorbieren und deshalb nichts mehr zu sehen sei. Im nächsten Augenblick wurde ich schon wieder geblendet von den Strahlen, da ich weiterhin auf den Höhleneingang starrte.

Während der Minuten in denen ich blind war, wurde mir von einem Krieg mit den Zwergen berichtet, der bereits seit Jahrhunderten anhielt. Als endlich das weiß in meinen Augen verschwand, stieß mich ein Bär an und ich kippte nach vorne um. Die träge, kraftvolle Stimme entschuldigte sich bei mir, da er mich nur aus der Höhle treiben wollte. Ich verstand nicht, wie er es meinte, doch folgte ich seinem Willen.
Mehrere Dryaden standen schon am Eingang und warteten auf etwas. Gerade als ich zu ihnen kam, wurde es etwas dunkler und sie rannten los. Völlig perplex wurde ich von einem Wolf auf dessen Rücken geschleudert.
Er befahl mir, mich festzuhalten während er schon los wetzte. Wir kamen auf ein allein stehendes Waldstückchen zu, in dessen Mitte deutlich eine Lichtung zu erkennen war.
Ich sah hinter uns und erkannte einen sehr schnell auf uns zu kommenden Strahl von der kleinen Sonne. Von Panik gepackt, klammerte ich mich an sein Fell und die Luft erhitzte sich sehr schnell.

Kurz bevor uns das Licht einholte erreichte der Wolf die ersten Bäume. In dem Wald konnte ich keinen der Waldbewohner sehen. Ein Knallen machte mir deutlich, dass wir gegen einen Baum gerannt waren, doch als ich die Augen wieder öffnete befand ich mich in einer riesigen Halle, die aus Holz gebaut war.
Einige Schlangen hingen an der mit Efeu überwucherten Wand und beobachteten mich, während eine Dryade ihnen die Umstände erklärte, die mich hier her geführt hatten.

Ich stieg vom Wolfsrücken ab und bedankte mich bei ihm. Er sagte mir etwas, was ich nicht verstand, aber ich befand mich schon wieder an einem anderen Ort. Um mich herum waren wieder die langen Gänge des Zwergenreiches erschienen, doch ich konnte mich frei bewegen.
Eine Tür wurde aufgestoßen und einige Zwerge schoben etwas Großes durch den Gang. Ich erkannte mich auf der Bahre und erkannte, dass ich nicht gerade blessurfrei war. Die Zwerge liefen durch mein jetziges Ich hindurch und ich bemerkte, dass mich etwas an den Armen hielt, doch konnte ich mich trotzdem frei hinter den Zwergen her bewegen.

Wir kamen in die große Halle und ich lief zum Tor, durch das der kleine Zwerg kommen würde. Mein anderes Ich redete los und die Zwerge sprangen in ihre Verstecke. Das Tor vor dem ich stand wurde plötzlich aufgerissen und hätte mich umwerfen müssen, doch ich blieb in meiner geisterhaften Erscheinung unberührt von der Tür. Der junge Zwerg stürmte herein und kam auf den König zu. Diesmal verstand ich alle Worte des kleinen Zwerges, in denen er ein riesiges Wesen, das seiner Beschreibung nach nicht von Terra käme, umschrieb.
Laut dieser Aussage hieß diese Welt Terra und ich hatte wenigstens einen Anhaltspunkt, wo ich sein könnte.
Inzwischen lenkten die anderen Zwerge mein gefesseltes Ego mit Fragen ab.

Abermals hörte ich das dumpfe Wummern von Schritten eines Riesen, weshalb ich wieder durch das Tor ging, durch das später das Wesen käme. Als ich auf der anderen Seite ankam, sah ich etwas sehr großes, pechschwarzes sich durch den engen Gang zwängen, immer wieder einen baumstammgroßen Fuß vor den anderen setzend. Die Kreatur kam immer näher und ich hörte die Zwerge in der Halle verstummen. Kurz bevor mich das Monster einholte, ging ich durch die Tür in den Saal und hinter mir splitterte das Holz weg. Um alles genauer zu beobachten, lief ich in eine Ecke des Saales und stellte mich in eine Statue, die zusätzlich noch von innen hohl war. Als ich zum Boden schaute, sah ich einen Zwerg in einem weißen Kittel mit einer riesigen Brille und einer wirklich gurkenförmigen Nase unter mir. Er bediente ein Gerät und als er einen Schalter umlegte, brüllte das Wesen auf. Ich beobachtete ihn genauer und als die Zwerge im Raum schreiend wegrannten, um sich zu verstecken, machte er einen Schritt rückwärts und verschwand durch die Rückwand der Statue. Als ich ihm hinterher ging, befand ich mich plötzlich inmitten eines riesigen Labors unter freiem Himmel in einem Meteoritenkrater.
Vor mir bauten sich riesige Maschinen und Tanks mit Wasser auf. In einem dieser Tanks schwamm ein Waldbär und in einem andern ein total verunstalteter Wolf. Der Wolf hatte kein Fell mehr und sein Körper war sehr ausgemergelt. Ich erblickte das Fell an einer menschlich anmutenden Kreatur in einem weiteren Tank. Das Fell leuchtete strahlend blau und die Kreatur bewegte sich manchmal wenig.

Etwas zog mich von hinten und ich stand plötzlich wieder in der Halle, in der die Schlangen und Efeu den Wandbelag bildeten. Die Kraft verließ meine Beine und ich setzte mich etwas schnell und schmerzhaft auf den kühlen Erdboden.

Ich erzählte den Tieren alles was ich gesehen hatte und eine Dryade beschrieb mir die Umstände, warum es dieses Monster in den Gängen des Zwergenreiches gäbe. Zu meinem Bedauern war dies ein transformierter Bär, der nun wohl mit technischen Mitteln kontrolliert wurde. Sie konnte mir allerdings nicht sagen, was die Kreatur mit dem Wolfsfell war.
Nach den Aussagen der Waldbewohner wurde auch kein Wolf vermisst, was mir schon sehr seltsam vorkam.

Am nächsten Tag konnte man sogar ins Freie gehen, weil die große Sonne einen anderen Verlauf hatte und die kleine Sonne von Regenwolken verdeckt wurde.
Der Regen tat mir gut und ich merkte, dass ich seit Tagen kein Wasser mehr gesehen hatte, außer welches das ich trank.
Ich zog mich aus und duschte in den starken Schauern. Hinter mir hörte ich einen Wolf mir etwas zubrüllen, weshalb ich mich umdrehte. Direkt hinter mir standen mehrere Zwerge, die mit Implantaten und Schnellfeuerwaffen ausgestattet waren und die Waffen auf mich gerichtet hatten.
Nun machte es Klick bei mir und ich verstand warum ich einen Wolf und etwas menschliches in den Tanks gesehen hatte. Die beiden waren der Wolf und ich. In Panik rannte ich los und stolperte über meine Klamotten auf dem Boden, wodurch ich, wie nicht anders zu erwarten, hin fiel. Blut strömte aus meiner Nase und mir wurde klar, dass ich sie mir an einem Stein gebrochen hatte.

Wir wurden zu dem Meteoritenkrater gebracht und ich sah zum ersten mal das pechschwarze Monster in voller Höhe. Es wurde in einem Gitter gehalten, das höchstwahrscheinlich unter Strom stand.
Ich wurde an einem Tisch festgebunden und der Chemikerzwerg steckte mir eine Spritze mit einer gelben, heißen Flüssigkeit in den Arm. Die Schmerzen waren unerträglich, ich konnte nicht einmal schreien, doch blieb ich bei Bewusstsein und erlebte die folgenden Versuche mit.
Zuerst schloss er mich an ein Stromnetz an und drehte es auf. Jetzt verstand ich es, was es hieß, einen kalten Schlag zu bekommen, bloß, dass dieser kalte Schlag fast fünf Minuten andauerte. Während dieser Zeit konnte ich nicht atmen und ich bekam das Gefühl, jeden Moment zu ersticken, was nicht eintrat. Er gab mir eine weitere Spritze mit schwarzer Flüssigkeit nach Beendigung des Versuchs und alles um mich herum verschwamm, die Zwerge brauchten Stunden um nur einen Meter weg zu gehen. Der Chemikerzwerg lachte grausam langsam und schaute mich mit einem irren Blick an. Plötzlich wurde alles um mich herum so schnell, dass ich nicht einmal einer Schnecke, die über den Boden kroch folgen konnte. Ich sah nur noch Streifen, als ich den Bären in dem Tank ansah. Er bewegte sich noch. Seine Bewegungen sahen aus wie Buchstaben und ich sagte mir diese laut vor. Im ersten Moment ergaben sie keinen Sinn für mich, da jegliche Laute fehlten, doch die Zeit normalisierte sich wieder und ich hörte nun meine eigenen Worte. Ich sagte mir „gib auf, solange du kannst und spare deine Kraft“.

Alle Muskeln in meinem Körper fingen an zu krampfen und ich riss so die Konstruktion, die mich fest hielt, auseinander, doch leider lag ich danach auf dem Boden und konnte nicht aufstehen.
Ich sah mich um und erkannte den Wolf, bereits ohne Fell, in dem Wassertank hinter dem Versuchstisch, bis sich drei Zwerge um mich aufbauten. Sie schleiften mich zu einem großen Apparat und banden mich daran fest. Dieses Mal wurde ich mit Ketten befestigt, um nicht wieder die Bänder zu zerreißen.

Es war dunkel und ich erwachte aus einem tiefen Schlaf. Die letzten Dinge, die ich mitbekam waren, dass ich Maschinen eingepflanzt bekommen hatte, die sich aber nicht lange hielten.
Die Ranken in meinem Körper hatten die Maschinen abgestoßen, wodurch ich nicht geeignet war für weitere Versuche und ich deshalb nun in einem Käfig saß, zwischen dessen Gitterstäben ich leicht hindurch kommen würde, wenn sie nicht unter Strom stünden.
Ich beobachtete noch eine Weile den felllosen Wolf in dem Tank schräg gegenüber von meinem Platz und fragte mich, wo das Fell verblieben war, denn an mir war es deutlich nicht zu sehen, was ich bereits aus der Vision kannte.
Nach einiger Zeit hörte ich ein lautes Krachen am Rande des Kraters und sah, wie sich über dem Krater eine Metallkuppel aufbaute. Kurz darauf sah ich durch den Restschlitz den Grund dafür: die zwei Sonnen schienen wieder zusammen auf Terra nieder und wo ich mich befand wurde es ziemlich warm.

Ich legte mich in den Schatten einer Decke, die quer über das Gitter gelegt war und schlief ein. Während meines Ausflugs in die Traumwelt sah ich Serra vor mir, die eine fremde Sprache sprach. Die einzigen Worte die ich verstand, waren Namen und Begriffe, die nur auf einzelne Dinge hindeuteten. Leider kannte ich das meiste, von dem sie sprach nicht, weshalb ich mir auch keinen Sinn aus ihren Worten bilden konnte.
In einem weiteren Traum war ich wieder in dem Labor, von dem ich beim Lagerfeuer geträumt hatte. In dem Wassertank gegenüber schwamm wieder das Mädchen mit dem Metalloberkörper und den Flügeln. Dieses Mal hatte sie allerdings ihre Augen geöffnet, die einen leeren Blick hatten. Als ein Wissenschaftler vor meinen Tank ging, wachte ich wieder auf und lag wieder in dem Käfig.

Ein Zwerg brachte mir etwas Verpflegung und ich bedankte mich, doch er ging nur mürrisch wieder durch die Reihen von übergroßen Apparaten zu einem Steuerpult.
Als ich fertig gegessen hatte, drückte er einen Schalter und eine Metallhand kam durch ein Loch in dem Gitter. Sie fasste mich und ich wurde in einen gläsernen Sarg gesteckt.
Während ich noch kaute, kam aus einem Rohr eine ätzend riechende Flüssigkeit, doch ich machte mir keine Sorgen, da ich meine unmittelbare Zukunft schon kannte, in der ich auf keinen Fall tot war.
Nachdem die Flüssigkeit abgelaufen war, wurde ich durch Chloroform betäubt und sank zusammen. Ich erwachte in dem Wassertank und erkannte an mir das bläuliche Wolfsfell aus meiner Vision. Das Wasser in dem ich schwamm enthielt scheinbar genug Sauerstoff, um es normal zu atmen, denn ich konnte in diesem Tank frei schwimmen, ohne Schläuche oder andere Versorgungsarten.

Viele Tage verbrachte ich in meinem mit Wasser gefüllten Sarg, wie ich der Ironie halber meinen Tank nannte. Am achten oder neunten, ich weiß es nicht genau, da ich immer zu anderen Zeiten schlief, kam der Chemiezwerg vorbei und begutachtete mich. Mir war bis zu diesem Zeitpunkt schon der komplette Plan des Kraters im Kopf eingebrannt, der auf einer Karte gegenüber meines Tanks aushing und ich fragte zu meiner Belustigung den Zwerg, wie schnell er von einem Punkt des Kraters zu einem anderen bestimmten Punkt käme, doch er schüttelte nur den Kopf und ging wieder. Ich war weitere zwölf Tage allein, bis ich durch Luftanhalteversuche einmal ohnmächtig wurde und erst nach Stunden wieder aufwachte, als mehrere Zwerge mit ihren Fäusten gegen das Glas des Tanks donnerten.

Die weiteren Tage vergingen auch bestialisch langsam und ich legte mir wirre Gedankengänge zurecht, mit denen ich zum Beispiel die Flucht plante. Der große Fehler war nur, dass ich keine Ahnung hatte, wie ich erst einmal aus dem Tank käme, wenn es der richtige Zeitpunkt sein würde.
Einen Großteil der Tage verbrachte ich mit Gedanken über mein bisheriges Leben und Schlafen, da ich sonst schon alles durchgegangen war, was mir in den Sinn kam.

Nun schwamm ich schon mindestens elf Wochen, in Terratagen gezählt, in diesem Wassertank umher und wurde langsam von irren Gedanken getrieben. Ich wurde mit der Zeit verrückt und konnte nichts dagegen tun. Meine Versuche, mich durch Ersticken zu töten scheiterten kläglich, da die Zwerge etwas in das Wasser gegeben hatten, was den Sauerstoff daraus direkt in meine Blutbahnen leitete. Alleine im Abdrücken der Aorta sah ich noch Sinn, da sonst nichts funktionierte. Leider wusste ich dass man sich nicht selbst erwürgen kann, weil sonst der Körper schlaff wird und die Hände nicht mehr zum Erwürgen in der Lage sind.

Ich sprach sogar inzwischen mit dem Wasser das mich umgab, bloß antwortete es mir nie. So viel ich auch erzählte, hörte ich nie Laute. Einmal hörte ich als ich aufhörte zu reden plötzlich etwas, das sich anhörte wie Gesang. Leider war es nur ein Zwerg der hinter meinem Tank entlang schlich und sich ein Arbeitslied vorsang um nicht einzuschlafen während er kleine Kanister umher transportierte. Ich beobachtete ihn noch eine Weile, bis ich mir irgendwann dabei dumm vorkam.

Während meiner Träume in diesen Wochen kamen immer verrücktere Sachen zu Stande, wie zum Beispiel ein Traum, in dem mein Gehirn in eine Maschine eingepflanzt wurde und diese dann selbstständig arbeitete mit einer unwahrscheinlich hohen Ausdauer. Die Maschine baute innerhalb von zwei Tagen und einer Nacht ein komplettes Haus alleine auf, was für Menschen vollkommen unmöglich ist.
In einem anderen Traum sah ich mich mit meiner Mutter im Krankenhaus, als ich mir bei einer Streitigkeit mit einem etwas älteren Schüler in der Schule mein rechtes Bein gebrochen hatte. Nur diesmal war es so, dass überall Untote umherliefen und ich mich als Kind so verhielt, als wären dies alles normale Schwestern, Ärzte und Patienten, während meine Mutter scheinbar nichts bemerkte.
Immer wieder tauchten auch Fragmente eines Traumes auf, in dem ich in einem Wassertank in einem geschlossenen Labor umher schwamm und jedes Mal sah ich wieder das Mädchen mit den Metallflügeln im Tank gegenüber. Leider schaffte ich es während dieser wenigen Sekunden nie, mich selbst anzusehen, ob ich auch irgendwie Metall implantiert hatte oder nicht.

Weitere Tage gingen ins Land und das Wolfsfell war eines Morgens verschwunden und ich spürte Schmerzen im ganzen Rücken.
In der folgenden Nacht sah ich wieder einmal die vier Monde von Terra und plötzlich wurde es mir am ganzen Körper heiß. Das Wasser fing an zu kochen und ich erstickte beinahe an dem plötzlichen Sauerstoffmangel. Ich trieb nach oben im Tank und krallte mich am Deckel fest so gut ich konnte, bis plötzlich das Glas um mich splitterte und alles zusammen fiel. Zwischen Deckel und Boden eingeklemmt roch ich zum ersten Mal seit Wochen den frischen Duft von Gräsern und Regen. Schnell befreite ich mich aus der Enge und sah den Wolf ohne Fell am anderen Ende des Ganges. Es schien ihm sehr schlecht zu gehen und sein Körper war deutlich zusammengeschrumpft.

Ohne überhaupt nachzudenken rannte ich los und drückte ein paar Knöpfe auf dem Schaltpult vor seinem Tank, in der Hoffnung, ihn befreien zu können.
Leider entfernte ich nur das Wasser aus dem Tank und dort drinnen war nun ein leichtes Vakuum. Ich schlug aus Angst um ihn gegen das Glas und es zerbrach. Dabei bemerkte ich, dass ich riesige Klauen anstatt meiner Finger hatte. Als ich ihn endlich aus den Überresten seines Tanks heraus geholt hatte, hörte ich schon mehrere Zwerge aus einem kleinen Gebäude stürmen. Ich nahm den Wolf auf den Rücken und rannte blind durch die Reihen von Geräten und Käfigen, da mir noch immer der Plan des Kraters im Gedächtnis hing.

Nach wenigen Minuten befanden wir uns wieder außerhalb des Einschlagortes und ich sah in großer Entfernung ein leichtes Leuchten innerhalb einer Baumgruppe. Ich brachte uns zuerst in Deckung und überprüfte die Atmung des Wolfes, doch nichts war auffällig, außer dass meine Knie sich umgedreht hatten und ich mir nun wie ein Satyr vorkam.
Satyr traf dies sogar recht genau, da auf meinen Beinen eine leichte, dunkle Pelzschicht war, und ab dem Becken aufwärts nur noch nackte Haut. Nur die Füße hatten noch einen großen Unterschied zu den Hufen eines Satyrn, da sie die Form von Wolfspranken hatten.
Die Krallen an meinen Händen konnte ich einziehen, weshalb ich auch nicht so ganz auf einen Werwolf kam.

Als ich die Umgebung gründlich mit meinen Blicken geprüft hatte, nahm ich den Wolf wieder auf meinen Rücken und lief zu dem Licht in den Bäumen.
Kaum kam ich dort an, tauchten einige Dryaden auf und schauten bestürzt auf den Wolf. Eine von ihnen trug ihn weg und die anderen geleiteten mich zu einem verborgenen Ort in einem Baumstamm. Die Magie der Waldbewohner hatte den Baumstamm von innen her wachsen lassen, aber sein Äußeres schien sich nicht verändert zu haben.

Ein kleiner Bär brachte mir etwas zu Essen und ich bedankte mich. Sobald ich fertig gegessen hatte, fragten mich die Dryaden aus und ich erzählte ihnen jedes Detail einzeln. Eine menschliche Frau kicherte plötzlich los und ich sah daraufhin an mir herunter. Ich hatte wieder einen normalen Körper, vollkommen nackt.
Als ich darüber nachdachte, wie ich am schnellsten verschwinden könne, bevor mich noch mehr Frauen sehen konnten, schossen aus meinem Körper wieder die Ranken heraus und bedeckten meinen Unterleib mit einer dünnen Schicht aus zartem Grün.
Ein Wolf kam herüber und brachte mir eine Decke, die ich für die Nacht gut gebrauchen konnte. Es wurde äußerst kühl und als ich aufwachte entdeckte ich ein kleines Menschenmädchen. Sie zitterte am ganzen Körper und hatte schon bläuliche Lippen. Ich nahm sie mit zu mir unter die Decke und schlief wieder ein.

Als ich erwachte, bemerkte ich zuerst, dass die Decke und das Mädchen weg waren. Auch die anderen Wesen waren verschwunden.
Ich blickte direkt in die Sonne, als ich mich auf den Rücken drehte, um die Orientierung zu finden. Während ich mich aufrichtete, merkte ich, dass Sand unter mir war und ich hörte ein undefinierbares Rauschen in der Nähe. Meine Augen huschten über die weite, ebene Sandfläche und in weiter Ferne erkannte ich Wellen. Ich war am Meer, zum ersten Mal seit über zwölf Jahren.
Weiter im Landesinneren war ein kleines Wäldchen erkennbar, doch ich ging zuerst ans Wasser. Die hohe Wassertemperatur zeigte mir an, dass ich in der Südsee sein müsse, wenn ich auf der Erde wäre.

Ich entdeckte einige Fische, als ich bis zu den Knien im Wasser stand und bemerkte, dass dies kleine Haie sein müssten, wenn mich mein Erinnerungsvermögen nicht im Stich ließe.
Die Haie waren deutlich zu klein, um mir etwas antun zu können, doch traute ich der Sache nicht und ging wieder an Land. Kaum dass ich über den letzten größeren Steinblock gestiegen war, schnappte etwas hinter mir zu. Als ich mich umdrehte um zu schauen, was dort war, ragte eine riesige Rückenflosse in hundert Metern Entfernung aus dem Wasser.
Die markante Dreiecksflosse war um Einiges größer als ich, was mir erst einmal einen eisigen Schauer über den Rücken jagte.

Nachdem sich der Schreck gelegt hatte, ging ich den Strand ein Stückchen entlang. Mehrere hundert Meter vor mir lag ein Liebespaar auf einem Felsblock und küsste sich deutlich sichtbar. Ich ging unbeirrt meines Weges weiter und erkannte, als ich fast auf deren Höhe war, dass es keine Menschen waren, sondern zwei Großkatzen mit Flossen, die stark an Haie erinnerten.

Leicht verwundert ging ich weiter und sah hinter einem walgroßen Stein eine Bar. Noch während ich dort hin lief, bemerkte ich, dass ich kein Geld hatte, was auch nicht gerade schwer war, ohne normale Kleidung. Ich hatte immernoch einen Rankenüberzug auf mir, der alle ungebetenen Blicke abschirmte. In der Hoffnung, etwas kostenlos zu bekommen, ging ich trotzdem zu der Bar hin und sah einen äußerst ungewöhnlichen Barkeeper. Er war eine lebendige Pflanze, ein Hopfengewächs, so wie seine Blätter aussahen. Während ich immernoch etwas verdutzt drein schaute, fragte er mich, was ich denn haben wolle, was mich noch mehr verwirrte, denn er sprach in meiner Sprache aber mit einem deutlichen Dialekt.
Meine Gegenfrage war, ob ich denn nichts bezahlen müsse, doch kannte er scheinbar nicht die Begriffe Geld oder bezahlen. Ohne viele weitere Worte bestellte ich mir einen „Pink Sharktail“. Auch wenn ich keine der Zutaten kannte, war ich mir ziemlich sicher, dass ich genau diesen Drink haben wollte, was ich sehr schnell bereute. Binnen zwei Minuten stand vor mir ein Liter grell pink leuchtender Flüssigkeit mit einem undefinierbaren Geruch. Auf dem Rand des „Bechers“ waren Flossen von Fischen aufgereiht, die scheinbar zu dem Drink verzehrt wurden.

Ich hockte mich in den Schatten des großen Steines und setzte an und sogleich wieder ab. Dieses Getränk war das Bitterste, was ich jemals gesehen hatte, zusätzlich war es noch so sauer, dass es mir regelrecht die Hosen auszog. Ich zitterte am ganzen Körper, als ich noch einmal ansetzte, weil es einfach unnachahmlich ekelig schmeckte. Mein zweiter Schluck hatte dann einen komplett anderen Geschmack. Diesmal war es eher leicht süßlich und ein Hauch von Kokos und Maracuja war darin zu entdecken.

Auf meiner weiteren Reise in die Tiefen des Bechers bemerkte ich, dass ich die Flossen noch nicht angerührt hatte und tunkte eine davon in den Rest des inzwischen gut schmeckenden Drinks. Als ich die Flüssigkeit auf dem Fisch ableckte, drehte sich plötzlich alles und wurde unscharf. Ich fühlte mich so frei und gelöst von allen Problemen, auch trank ich den Drink in wenigen Schlücken aus. Das letzte Mal als ich in so einem Zustand war, war als ich als Jugendlicher in meine Muffins Hanf eingebacken hatte und danach alle alleine aß.

Ich erkannte eine Gestalt zur Bar laufen und nach wenigen Sekunden wieder weg gehen, dann kam der Barkeeper zu mir, nahm mir den Becher ab und reinigte ihn im Meer. Während er wieder zurück zu seiner Bar ging, rollte ich mich auf dem Sand umher, bis mir schwindelig wurde, was mir bei späterem Nachdenken ohnehin schon war. Ungefähr zwanzig Versuche aufzustehen scheiterten bereits daran, meinen Oberkörper in eine senkrechte Position zu bringen. Nach einer Ewigkeit im Delirium erkannte ich endlich wieder klare Dinge und bemerkte, dass ich mich mindestens einen Kilometer weit bewegt hatte, denn die Bar war schon so winzig wie eine Ameise.

Hinter mir lachten plötzlich einige Personen und als ich mich umdrehte, erkannte ich Serra inmitten von glucksenden Fischkatzen und Pflanzenwesen.
Serras Lachen ging fast von einem Ohr bis zum anderen, während sie auf mich zu rannte. Sie hatte wieder nur ein Efeukleid an, was mir verriet, dass wir in ihrer Welt, Gaia, waren. An dem Abend diesen Tages saßen wir zu zweit oberhalb einer Klippe, lehnten aneinander, Rücken an Rücken und betrachteten die Sterne, während wir uns das Vergangene gegenseitig erzählten. Als ich bei der Geschichte mit den Zwergen ankam, musste ich an die seltsamen Träume denken, die ich erlebt hatte, doch ich erzählte ihr nichts von ihnen.

Meine langweilige Ausführung der Monate in Gefangenschaft der Zwerge hatte inzwischen Serra eingeschläfert und sie lag mit ihrem Kopf auf meiner Brust.
Ich konnte mir bei ihrem unschuldigen Anblick einfach nicht vorstellen, dass sie eine Schwarzmagierin sei. Sie lag da, schlummerte friedlich, während ich mir Gedanken über meine Aufgabe machte, die mir gestellt wurde, um die Festplatte zu erhalten. Bisher hatte ich noch nicht heraus gefunden, was die Aufgabe war, auch wenn ich nun schon über 3 Monate in Parallelwelten verbrachte.
Mir fiel beiläufig auf, dass Gaia zwei Monde, einen hellblauen und einen violetten, hatte und ein riesiger grüner Drache ständig um sie kreiste. Mit diesem entspannenden Bild vor Augen und einem Kissen aus Moos unter dem Kopf schlief ich nun auch ein.

In meinem einzigen Traum sah ich mich, wie ich in dem brennenden Haus vom Freitag nach dem ersten Virus, eingeklemmt von einem Balken, am Boden lag.
Ich konnte alles beobachten, da ich außerhalb meines Körpers war und erkannte wieder diese schreckliche Grimasse aus Feuer, die sich auf mich nieder stürzte.
Einen Moment lang wurde alles weiß und ich wurde geblendet. Nachdem das grelle Licht abgeklungen war, bemerkte ich zwei kleine Löcher an meinem Hals, um die sich die Adern blau färbten. Der Traum endete abrupt mit diesem Bild.

Als ich am nächsten Morgen noch einmal darüber sinnierte, was diese Löcher zu bedeuten hatten, fiel mir ein, dass Vampirbisse so aussehen sollten. Konnte es sein, dass nicht die Ranken mich resistent gegen die Waffe des Erzpriesters machten und mir so hohe Kondition trotz des Beinbruches gaben, sondern die unheiligen Kräfte eines Vampirs.
Ich fasste mir unwillkürlich an die Stelle wo die Bissspuren sein sollten und fühlte leichte Narben, was mir meine Vermutung bestätigte.

Serra sagte direkt hinter mir, dass sie sich auch über diese Narben wunderte, woraufhin ich zusammenzuckte und mir schwer auf die Zunge biss, sodass ich mich erstmal unter Schmerzen auf dem sandigen Boden umherrollte. Zumindest spürte ich keine langen Eckzähne, als ich mich wieder gefangen hatte, was mich etwas aufatmen ließ.
Hinter mir hörte ich Serra laut lachen und ich musste auch anfangen zu grinsen, weil diese Aktion von mir einfach nur dumm war.

Mit der Zeit kam es mir immer absurder vor, ein Vampir zu sein, da ich immernoch alles essen konnte, keinen Blutdurst verspürte, mich in der Sonne nicht auflöste und noch viele weitere Dinge. Am Mittag ging ich schließlich in einem kleinen Bach baden, wobei ich bemerkte, dass sich das eigentlich kühle Wasser aufheizte, solange ich darin war.
Mir kam das Bild von dem Flammenwesen mit der Teufelsgrimasse auf und ich hatte einen Geistesblitz. In dem Wassertank hatte sich das Wasser sehr stark erhitzt, als ich mich nicht befreien konnte und jetzt wurde auch der Bach zunehmend warm. Vielleicht hatte das Flammenwesen mir Feuerkräfte gegeben und deshalb war es mir auch nicht unangenehm warm bei dem Erzpriester, der einen Feuerdämon beschworen hatte. Mit Sicherheit hatte dieses Wesen mit dem Biss etwas auf mich übertragen.

Nachdem ich mich in dem inzwischen über vierzig Grad warmen Wasser fertig gewaschen hatte, rief mich Serra zum Essen.
Ich erspähte auf dem Knöterichteppich mehrere mir unbekannte Früchte, aber Fleisch gab es nicht. Zum Glück, denn ich hatte keinen Appetit mehr auf Fleisch, seitdem ich auf Terra war und mir das Wolfsfell implantiert wurde.

Beim Essen erzählte ich Serra von meinem Traum und dessen Auswirkungen auf die Realität. Sie erwiderte nur, dass ich eventuell durch den Biss magische Kräfte des Feuers erhalten hatte und ich nun auch bereit sein könnte, Magie zu erlernen.

Ich übte in den folgenden zwei Tagen ständig an der Ausführung von Zaubern, doch das einzige was ich erreichte war, dass ich einen kleinen Zweig entzündete, als mein Kopf sich anfühlte, als würde er platzen. Aus Schreck warf ich diesen brennenden Zweig auf den Laubhaufen, vor dem ich stand und binnen Sekunden entfachte hinter mir ein Inferno. Als ich mich fluchend umdrehte, um mir meine Ungeschicktheit anzusehen, sah ich inmitten der Flammen ein freundliches, männliches Gesicht. In dessen Mitte zeichnete sich eine breite, runde Nase ab unter der ein breites Grinsen war und die tellergroßen blauen Augen strahlten mich an. Aus dem übergroßen Mund hörte ich, dass ich nun nach Midgard reisen solle und ich dort die Künste der Feuermagie erlernen könne.

Hinter mir kam gerade Serra angelaufen, die sich lauthals über das brennende Laub wunderte. Sie sah anscheinend nicht das Gesicht, das mit mir sprach, doch als ich mich wieder umwendete, war es verschwunden.
Ich entschied mich, erstmal nichts von dem Gesicht zu erzählen, doch fragte ich sie, ob es Wege aus Gaia zu anderen Welten wie Terra gäbe. Sie hatte leider nicht die geringste Ahnung, außer von der Verbindung zur Erde.

Ihre einzige Frage zu all dem hier war, wie ich den Haufen in Brand gesetzt hatte, woraufhin ich ihr alles bis aufs Detail beschrieb. Wie ich einen Zweig am Boden fand, mein Kopf fast platzte und ich schließlich aus Schreck den entfachten Zweig auf den Haufen beförderte, von dem inzwischen nur noch Asche übrig blieb.
Sie gebot mir, sie zu rufen, wenn ich das nächste Mal etwas derartiges herbeizaubern würde und ich machte mich gleich daran, einen weiteren Zweig zu suchen. Als ich nach etwa einer halben Minute einen aufgetrieben hatte, konzentrierte ich mich auf ihn, wie zuvor auf den anderen. Serra gab mir einige Tipps, wie ich mich entspannen könne und so auch nicht Angst um meine Schädeldecke haben müsse, denn ich verspannte mir alle Muskeln im Körper, ohne es richtig zu merken.
Am Abend diesen Tages hatte ich trotzdem überall Muskelkater und konnte mich nicht mehr ohne Schmerzen bewegen. Zusätzlich hatte ich keinen Erfolg zu verzeichnen, außer eines Pollens, der mir durch die Sicht flog und plötzlich von blauen Flammen angeleckt wurde. Ich nahm den Pollen in die Hand und spürte Eis meine Adern durchziehen, woraufhin ich ihn fallen ließ.

Am nächsten Morgen entdeckte ich dort, wo der Pollen den Boden berührte, eine gefrorene Blume, obwohl ich hätte schwören können, dass dort tags zuvor keine Blume stand.
Sie hatte leuchtend grüne Blätter, die spitz zuliefen, am Rand gezackt waren, längliche Löcher in der Oberfläche hatten und Dornen auf dem ganzen Blatt verteilt hatten. Die Blüten waren oval, lang und endeten in Verstrebungen, als wären sie Eiskristalle, deren Farbton sie auch annähernd trafen. Als ich sie anzufassen versuchte, kam ich nicht an sie heran, da sie von etwas, wie einem Kraftfeld geschützt wurde.

Wegen dieser Entdeckung holte ich Serra, die sich deutlich besser bei Pflanzen auskannte, als ich, der nicht einmal eine Tulpe an den Blüten von einer Orchidee unterscheiden konnte.
Sie erkannte sofort, dass diese Blume erst seit kurzem gefroren war, aber nicht von Gaia stammen könne, denn Gaia wurde von ihr selbst, außer anderen Pflanzenmagiern aus ihrem Kult, wesentlich mitgestaltet. Ich dachte unwillkürlich an Terra, auf der Pflanzen wuchsen, die hohe Temperaturen leicht wegstecken konnten und auch an den Riesen im Laub, der mich nach Midgard schicken wollte.
Es gab für mich diese zwei Erklärungen für das Erscheinen dieser Pflanze, die entweder einer zu tiefen Temperatur ausgesetzt war oder eine komplett neue Gattung war, denn Serra kannte auch keine ähnlichen Pflanzen, außer teilweisen Übereinstimmungen mit Rosen, Nesseln und noch vielen weiteren Blumen, von deren Namen ich noch nie gehört hatte.

Als Serra versuchte, die Blume anzufassen, wurde sie auch von dem Kraftfeld abgehalten, bloß, dass diesmal sich der Himmel verfinsterte und wir plötzlich zu zweit in einer Dunkelheit standen, die nur von den zwei Monden Gaias schwach beschienen wurde. Eigentlich war es in diesem Moment früher Mittag, was mir mein Magen mit einem Hungergrollen bestätigte.
Die Blume, die Serra inzwischen zwischen ihren Händen fliegen ließ, wuchs sehr schnell, bis sie ungefähr meine Größe hatte und ihre Blüte sprach uns an: „Ihr seid hier her gekommen, weil in Midgard eine große Gefahr lauert, die selbst die Götter nicht bezwingen können. Ihr seid keine normalen Menschen und sehr gebildet obendrein, sodass ihr diese Aufgabe bezwingen könnt, ohne große Probleme zu bekommen.“ Serra sah mich mit äußerst fragendem Blick an und ich antwortete der Blume: „ Wir werden uns dieser Aufgabe bemächtigen, wenn du uns sagst, was wir tun sollen, und woraus diese Aufgabe überhaupt besteht.“ Serra hatte ihren Blick noch eindrucksvoller dargeboten und ich schaute demonstrativ, mit einem riesigen Fragezeichen an meiner Seite, nur die Blume an.

Auf einmal standen wir inmitten von Nebelschwaden auf einem Holzboot, das über einen Fluss schipperte. Es war kein Fährmann an Bord und eine Galionsfigur in Form einer Meerjungfrau zierte die Front. Serra fragte mich vorwurfsvoll „Was ist das jetzt schon wieder, und was hat die Blume mit Midgard gemeint? Warum hat dich das alles nicht überrascht? Hast du mir etwas verschwiegen? Kannst du mir nicht vertrauen? Wieso … Ach nichts“ Ich antwortete nach der Reihenfolge ihrer Fragen „Wir sind auf einem Boot und ein Gesicht war in dem brennenden Laubhaufen gestern, das mir von Midgard erzählte. Ich nehme an, dass wir gerade durch die Nebel nach Walhalla fahren, was auch das Nichtvorhandensein eines Fährmannes erklären könnte. Ich wollte es dir eigentlich heute erzählen, aber die Blume ist mir zuvor gekommen, denn gestern kam es mir zu plötzlich vor. Außerdem löst sich gerade dein Efeukleid auf.“ Sie lief puterrot an, als sie an sich herunter schaute und erkannte, dass alles nur noch von einer braunen Schicht vertrockneter Blätter bedeckt war, die gerade zu Staub zerfielen. Dann schaute sie mich an und ich drehte mich um, um ihre Scham nicht komplett in die Höhe zu treiben. Mir fiel auch auf, dass sich meine Ranken auflösten und zunehmend braun wurden. Ich schaute flüchtig über die Schulter, ob sich Serra auch umgedreht hatte, was zum Glück der Fall war und ich unbesorgt an die Reling gehen konnte.

Die Rauchschwaden teilten sich und ich sah, dass wir nicht auf normalem Wasser fuhren, sondern auf einem Fluss aus Leichen, wie die Totenflüsse aus der griechischen Göttersage. Bei diesem Anblick lief es mir wieder kalt den Rücken herunter und ich entschloss mich, Serra möglichst schnell von der Idee abzubringen, in das Wasser zu schauen. Doch war es bereits zu spät, denn ein spitzer Schrei durchfuhr die Abenddämmerung. Einen Moment später spürte ich einen Körper sich von hinten an mich drücken und ich wusste, dass dies nur Serra sein konnte.
Bisher dachte ich immer, dass sie keine Angst mehr vor solchen Dingen hatte, weil sie ja ständig mit Hexen und Magiern, die auch Untote beschworen, zu tun hatte, doch dies wurde durch die eben gemachte Beobachtung verworfen.
Ich merkte deutlich, dass sie am ganzen Körper zitterte, jedoch war ich mir nicht sicher, ob dies allein durch den Schreck kam oder durch den äußerst kühlen Wind, der auch mich frösteln ließ.

Nach wenigen Minuten des Frierens stockte das Boot und wir wurden umgeworfen. Wir hatten Land erreicht und ich erkannte in dem schwachen Licht der untergehenden Sonne abgestorbene Bäume und riesige Haufen toter Blätter an einem Weg, der durch einen kalt anmutenden Wald führte. Meine einzige Frage an Serra war „Wieso bloß, muss man in deinem Gaia seiner Klamotten entledigt werden und sie nicht mehr zurück bekommen?“, was ich mit einem zornigen, jedoch ironischen Unterton aussprach. Sie lachte und meinte „Wenn meine Ranken nicht gewesen wären, wärest du im Gips auf die Jagd nach dem Erzpriester gegangen oder hättest dich überhaupt nicht mehr am Leben gefunden, nachdem er auf dich schoss, von der Rüstung ganz zu schweigen.“
Ich gab mich geschlagen und ging mit der immernoch zitternden Serra den Weg entlang, auf dem ich mehrfach Stimmen hörte, die wie von Goblins aus Computerspielen klangen.
„Serra, hörst du nichts?“ „Nein, was sollte ich hören?“ „Gekicher und Sprüche von irgendwelchen gedrungenen Wesen.“ „Ich höre im Moment nur unsere Schritte und uns selbst, außerdem ist mir kalt.“ „Ich weiß, dass es dir kalt ist, ich spüre doch, wie du zitterst.“ „Halt, ich zittere nicht, ich konzentriere mich nur.“ Ohne etwas zu erwidern ging ich weiter, Serra immernoch an mich geklammert. In etwa einem Kilometer Entfernung, sah ich ein Licht aufflammen, das mich sehr an ein Lagerfeuer erinnerte. Der schwache Schein erleuchtete bereits den Boden vor uns und der inzwischen aufgetauchte Vollmond schien auf uns herab.

Plötzlich hörte ich ein unheimlich hohes Kreischen und auch Serra zuckte zusammen. Das Geräusch verstummte so schnell, wie es gekommen war und das rascheln von Blättern deutete an, dass etwas in der Nähe war, was nicht so vorsichtig umherging, wie die Wesen mit den Goblinstimmen. Das Rascheln kam von beiden Seiten des Weges aus und auf einmal sprang etwas übermenschlich Großes, das komplett mit Fell überzogen war und Wolfsohren hatte, was gegen das Lagerfeuer auszumachen war, ein ganzes Stück vor uns auf den Weg. Es fing an zu heulen und wandte den Kopf dem Mond zu.
Serra flüsterte mir ins Ohr „Das ist ein Werwolf, die sind gefährlicher als der Feuerdämon, gegen den du gekämpft hast.“ „Dass die gefährlich sind, weiß ich auch, aber das Wesen aus dem Brunnen habe ich ja auch besiegt und das war ja mindestens mal doppelt so stark wie dieser Werwolf“ „Aber du hattest nicht direkt gekämpft, außerdem hattest du eine Fee zur Hilfe, die dir alles gezeigt hat.“
Der Werwolf hatte aufgehört den Mond anzuheulen und warf nun den Kopf umher, bis er uns in seinem Blick zentriert hatte. Der Werwolf bewegte sich langsam auf uns zu.
„Ich habe etwas an meinem Bein gespürt.“ „Serra! Das einzige verdammte Wesen hier ist ein Werwolf, der uns zerfleischen will.“ „Da war wieder etwas.“ „Okay ich schaue nach.“

Während ich nur meinen Kopf drehte, kam eine Faust auf mich zu, der ich knapp auswich.
„Serra, Lauf!“ Der Werwolf war inzwischen nur noch wenige Meter entfernt und das andere Wesen holte zu einem anderen Schlag aus, nachdem es von der wegrennenden Serra aus dem Gleichgewicht gebracht wurde. Ich sah ein paar langer Eckzähne in dem menschlich anmutenden Gesicht und schloss kurz daraus, dass es ein echter Vampir sei, dem ich hier im selben Moment auswich. Er packte mich und setzte zum Biss an, während der Werwolf zum Sprung ansetzte. Der Wolf stieß uns um und ich rollte über den Vampir hinweg auf den Waldboden. Das Bild vor mir kam mir vor, wie aus einem schlechten Horrorfilm: Der Vampir schlug auf den Wolf ein, während dieser versuchte, dem Vampir einen Arm mit dem übermächtigen Kiefer abzureißen.
Ich stand auf und lief los, in die Richtung, in der auch Serra entfloh, bis sie mich hinter einem Baum herrief „Hier drüben“. Während ich ihrem Ruf folgte, sah ich einen Lichtblitz und kurz darauf einen brennenden Pfeil durch die Nacht direkt an meinem Kopf vorbeizischen. Ich ließ mich nach hinten umfallen, um dem Pfeil zu entkommen und fing mich etwas ungeschickt auf einer Wurzel ab, was mir einen blauen Fleck am Oberschenkel bescherte. Als ich auf dem Boden lag, sprang ein Schatten über mich und ihm folgte ein weiterer Schatten. Nach einem kurzen Moment waren alle vier Gestalten verschwunden und Serra erzählte „Ich habe dich nur fallen gesehen und dann kamen ein Wolf und ein Mensch mit seltsamem Hut und einem bodenlangen Lederrock über dich gesprungen.
Der Vampir löste sich durch den Blitz zu Staub auf und der Werwolf wurde weggeschleppt von dem Wolf.“

Mit leichten Schmerzen in meinem Oberschenkel gingen wir weiter und diesmal löste sich Serra sogar von mir, was mir das Laufen deutlich leichter gestaltete. Wir achteten auf alle Geräusche, doch selbst die Goblinstimmen waren verschwunden und wir gingen in einer unheimlichen Friedhofsstille dem Feuer entgegen. Dieser Ort erinnerte mich generell an einen Friedhof, mit seinen abgestorbenen Bäumen und den skurrilen Gestalten, die sich hier herum trieben.

Wir kamen an der letzten kleinen Kuppe vor dem Feuer an und Serra sagte in die Nacht „Auf dass wir in die Reihen der nordischen Götter aufgenommen werden.“ Insgeheim hoffte ich das Gegenteil, denn was Serra da sagte, hieße übertragen, dass sie hoffe, wir würden sterben.
Ich stellte mich auf die Kuppe und drehte mich gerade noch einmal um, um Serra herzurufen, als ein Strahl meinen Körper durchbohrte. Es waren keine Schmerzen, sondern Wärme, die dieser Strahl verursachte und ich war vor Schreck wie gelähmt, bis mich eine vermummte Gestalt mit Männerstimme ansprach „Hey du, wie heißt du, und was machst du hier, in Rayjh’Gul, mitten in der Nacht?“ „Ich bin bei der Dämmerung auf einem Boot gewesen, das dieses Land angesteuert hatte.“ „Ich hatte dich zuerst nach deinem Namen gefragt, nicht nach dem, wie du herkamst.“
„Oh, Entschuldigung. Ich heiße Ryan.“ „Was ist das für ein Wort ‚Entschuldigung’, was bedeutet es?“ „Wenn einem etwas Leid tut, dann sagt man Entschuldigung, um Vergebung zu erbeten.“ „Na ja, dazu müssten wir aber erstmal wissen, was Leid und Vergebung sind.“ „Wieso ‚wir’, ich sehe keine anderen Anwesenden.“ „Einen Moment bitte.“
Der Mann sprach eine Formel aus und mit einem Mal standen acht gleich gekleidete Personen um mich herum.

Am Fuß der Kuppe schrie Serra vor Schreck auf, aber nicht wegen der acht erschienenen Gestalten, sondern weil eine Weitere mit einem Wolf zusammen einen toten Werwolf an ihr vorbei zog. Die Person mit dem Wolf, die offensichtlich eine Frau war, sprach Serra an „Was sucht ihr beiden eigentlich hier auf den Wegen in der Nacht? Am Tag ist es schon gefährlich genug mit den ganzen Hobgoblins hier und jetzt auch noch bei Vollmond. Ich weiß nicht, ob ich verantworten kann, euch während dieser Nacht noch einmal weg zu lassen.“ Serra stand sprachlos da und wurde nun auch von zwei anderen Gestalten ins Augenmerk genommen. Ich richtete die Sprache an die beiden und fragte „Wieso kleidet ihr euch eigentlich so, und warum hat sie, da unten, uns geholfen gegen einen Werwolf und einen Vampir?“ Der größere der Beiden antwortete „Wir sind Vampirjäger und wir jagen auch die anderen Wesen der Nacht, aber besonders die Vampire sind gefährlich, da sie so aussehen, wie normale Menschen und deshalb eine tödliche Gefahr darstellen. Wir wissen nur ein wirksames Mittel gegen Vampire, und das ist ein Lichtstrahl aus der Seele, der die Seelenlosen bannen kann. Es gibt nur wenige, die die Gabe besitzen, eine solche Waffe aus sich selbst zu machen.“
Der kleinere der Beiden fuhr fort „Insgesamt sind wir zwölf Jäger, aber zwei sind auf einem Einsatz in die tieferen Wälder seit acht Tagen verschollen. Die Hälfte von uns sind Männer und die andere Frauen, aber wir sind nicht alle Menschen. Khorthan, enthülle dein Haupt.“ Der Vampirjäger, der mich begrüßt hatte, nahm seinen Hut ab und ich erkannte trübe rote Augen in einem weißen Fell. Der Kleine fuhr fort „Er ist ein Albino-Werwolf, deshalb kann er seine Kräfte kontrollieren und ist dauerhaft in seiner Wolfsform. Es kostet ihn sehr viel Kraft, sich in einen Menschen zurück zu verwandeln. Außerdem gibt es noch einen Froschmenschen, aber der ist auf besagter Mission.“

Von unten meldete sich die Frau „Ihr habt mich vergessen. Ich bin ein Vampir. Es mag seltsam klingen, aber ich als Seelenlose bin im Besitz einer Seele. In meinem früheren Leben war ich ein Halbengel, Tochter eines Engels und einer Menschenfrau, um genau zu sein, die einzige Tochter des Uriel. Doch bat mich diese junge Lady Kleidung für sie und ihren Gefährten zu besorgen, weshalb ich nun nicht weiter ausschweifen sollte.“
Ich war Serra dankbar, dass sie daran gedacht hatte, nach Kleidung zu fragen, denn langsam wurde es mir auch hier am Feuer kalt in meiner menschlichen Hülle.
Kaum dass die Vampirin verschwunden war, sah ich einen Schatten um das Feuer wirbeln und kurz darauf stand die sie neben mir und drückte mir ausgediente Jägerkleidung in die Hand. Ich schaute noch einmal herunter zu Serra, die in diesem Moment auch ihre Kleidung erhielt. Es war das Kleid einer besiegten Vampirin. Serra sah dort unten mit dem Kleid in den Armen und leicht vom Feuer beschienen sehr verführerisch aus.
Ich zog mir zuerst die Hose an, dann das Oberteil und schließlich den Rock. Alles lag an, als wäre es speziell für mich geschneidert worden und dieses dunkelrote Leder hatte etwas, so wie es in Bändern zusammengeschustert war. Die schweren Lederstiefel mit vier Silberschnallen bemerkte ich fast nicht, als ich wieder aufstand, um mir meinen Hut zu holen, den ich auf einen Baumstumpf gelegt hatte. Ich wunderte mich, dass ich überhaupt den Rock anzog, denn ich hatte immer gewisse Vorurteile gegen Rockträger, auch wenn ich genau wusste, dass es nichts war, für was man sich in irgendeiner Weise schämen sollte, aber irgendwie fühlte ich mich in diesem Moment vollkommen, mit dunkelrotem Lederrock, der zwei Silberschnallen an seinem Gürtel hatte.

Ich hatte nun auch endlich den Hut auf, der aussah, als hätte ein Zauberer die Krempe zu groß gewählt, und von dem mir im Nacken Lederstücke hingen. Zusammen wirkte alles wie eine Einheit, in Einzelteilen konnte ich mir nicht vorstellen, wie es sich anfühlte, aber es musste irgendwie unvollständig wirken. Alle Teile hatten die gleiche Färbung und das gleiche Material, als wären sie aus einem einzigen Stück Leder angefertigt, doch gab es keine so großen Tiere, zumindest nicht auf der Erde oder auf Gaia.
Vor mir stand, als ich auf schaute Serra, in einem nachtblauen Kleid, das von vielen Ösen und schnallen am Rücken zusammen gehalten wurde. Das Kleid ging bis zum Boden, lief dann dort in mehrere Fransen aus, die scheinbar ein Eigenleben hatten, außerdem hatte es sehr weit geschnittene Arme, was den normalen Bewegungsfreiraum nicht im geringsten einschränkte.
Zusätzlich trug sie noch einen dunkelblauen Gürtel mit einem silbernen Flachmann. Um ihren Hals hatte sie ein Stachelband aus reinem Silber und schwarzem Leder gelegt. Sie war einfach umwerfend in diesem Kleid, das ihre blauen Augen und ihre schwarzen Haare hervorhob. Bei ihr schien es auch so, als sei das Kleid für sie gefertigt worden.

Später saßen die Vampirin, ihr Wolf, fünf weitere Jäger und wir beiden um das Feuer. Die Vampirin erklärte uns ihre ganze Geschichte „Ich bin Telaine, und wurde vom Himmel ausgesandt, um Midgard von den Vampiren zu reinigen, wo ich schließlich selbst gebissen wurde. Ein Vampirlord kam aus seiner Schattenwelt und ich konnte nicht mehr entkommen. Er sagte einen Bannspruch auf, wodurch ich paralysiert war. Einst führte mein Vater eine Armee von Engeln an, die gegen die Dämonen der Hölle kämpfte. Inzwischen habe ich gelernt, dass auch die Dämonen gute Wesen sein können und der Schein oftmals trügt, was Uriel nicht erkannte. Uriel wurde von seinem Allmächtigen entsandt und war ihm hörig, aber er hatte den Allmächtigen nie gesehen und vielleicht existiert der Allmächtige nur in den Köpfen der Untergebenen. Ich habe nie eine Stimme gehört, die mir antwortete, wenn ich den Allmächtigen ansprach. Aber die Fürstin von Niflheim ist mir in dem Moment erschienen, als mir der Vampirlord seine Zähne in den Hals jagte. Sie stellte sich mir als Hel vor und machte ein blödes Gesicht, als ich ihr meine Meinung sagte, da sie annahm, ich sei ein normaler Mensch. Menschen haben keine Eigenkontrolle mehr, wenn sie gebissen wurden, aber ich wurde mit der Kraft eines Engels geboren, wie ich bereits erzählte.“ Ich fragte leicht verwundert „Was ist Niflheim?“ Sie fuhr fort „Niflheim ist dort, wo man hinkommt, wenn man stirbt, egal ob man gut oder böse im Leben war. Deshalb wird Hel auch immer stärker, wenn die Krieger aus Walhalla nicht einschreiten. Walhalla ist ein anderer Ort der Toten, aber dort kommen die Toten nur hin, wenn sie den Göttern als würdig erscheinen, gegen die Scharen Untoter zu bestehen, wenn das Ragnarök kommt.“

Serra warf ein „Du hast doch erwähnt, dass du die einzige Tochter Uriels, des himmlischen Heerführers seiest, doch wie viele Söhne hat er?“ „Er hat auch einen Sohn, aber nicht mehr. Sie wurden alle ermordet von einem Dämonenwolf, Managarm genannt. Managarm wird zum Ragnarök den Mond verschlingen und das verspritzte Blut wird Sôl verfinstern, sodass Tag und Nacht eins werden. In der ewigen Dunkelheit wird schließlich Fenris sich losreißen und Odin töten. Nach der Menge der vorhandenen Werwölfe zu urteilen, ist das Ragnarök nicht mehr fern und nun müssen die verbliebenen fünf Halbengel zusammenfinden, um Managarm zu stoppen.“ Ich fragte „Fünf Halbengel? Welche Erzengel haben denn noch Kinder bekommen?“ „Michael, Gabriel, Raphael, und Nathanael, aber Michaels und Gabriels Kinder sind schon tot. Dafür hat Raphael gleich zwei Söhne und Nathanael zwei Töchter, von denen eine allerdings ein gefallener Engel geworden ist, denn sie hat sich Hel verschrieben und ihre Seele an sie verkauft. Alle Halbengel wurden in verschiedene Gebiete von Midgard gesetzt, um ihre Wirkung zu erhöhen. Ich weiß leider nur die Namen der vier weiteren: Raziel, Imarel, Sariath und Ishrahielle, die Gefallene. Meinen irdischen Bruder Thyrael habe ich seit meiner Verwandlung nicht mehr gesehen und vielleicht werde ich ihn auch niemals wieder sehen können. Helft ihr mir, die anderen vier zu finden, bevor Fenris ausbrechen kann?“
Serra und ich sagten gleichzeitig „Auf jeden Fall, sonst sind wir doch auch geliefert!“ ein Vampirjäger lachte von der anderen Seite des Feuers herüber „seid ihr Seelenverwandte?“, woraufhin alle anderen mit einstimmten in das Gespräch. Wir machten uns stundenlang Gedanken, wie wir die Engel erkennen konnten, wenn wir sie trafen, bis Serra einfiel „Wenn sie nach den Klassen unterteilt sind, wie in einem Buch, das ich einmal las, dann ist es leichter sie zu erkennen. Seraphim sind dauerhaft von Feuer umhüllt, Cherubim haben einen klaren Blick und schließen niemals den Kontakt zur Außenwelt ab, auch wenn sie die Augen schließen und Throne sind Wesen, die aus Wind bestehen. Alle von den Halbengeln müssten metamagische Fähigkeiten besitzen, die man nicht erdenken kann.“ Ich hatte keine Ahnung, was diese Magien waren, weshalb ich nachhakte „Was ist diese Metamagie? Ich kenne nur Magie und Illusion, nichts anderes. Und beides kann ich nicht richtig einsetzen.“ „Metamagie ist eine Magie von immens hoher Stufe. Zum Beispiel Blitze sind von annähernd vergleichbarer Kraft. Außerdem ist es sehr gefährlich diese Form anzuwenden, da man immer die eigene Energie verbraucht, die auch teilweise aus der Seele stammt. Mit jedem Einsatz wird man verdorbener und schließlich folgt man den Rufen von Untoten, wie Vampiren. Vampire haben einen Lockruf, um menschliche Opfer aus ihren Verstecken zu treiben.“
Ich war so erstaunt über das Wissen, das mir Serra hier ausbreitete, dass ich nicht merkte, dass mein Mund offen stand, bis mir ein Jäger eine Geste zum Schließen meines Mundes zukommen ließ.

Am frühen Morgen erwachte ich durch einige Regentropfen, die mir direkt auf meine Augen fielen und ich fühlte, dass es kühl geworden war, weil das Feuer in der Nacht erloschen ist. Ich spürte etwas schweres auf meinem rechten Arm liegen. Als ich die Augen geöffnet hatte sah ich zunächst grauen Himmel über mir, der von Wolken nur so strotzte, dann erkannte ich Serra, die es sich auf meinem Arm bequem gemacht hatte. Sie schlummerte tief und ich konnte so meinen Arm herausziehen. Seltsamerweise konnte ich mich nur noch daran erinnern, mich etwas vom Feuer weg gelegt zu haben und dabei wurde ich bereits vom Schlaf eingeholt, aber keine Erinnerung an Serra, die sich schon vorher unter einen Baum gelegt hatte, war bei mir vorhanden.

Ich bemerkte, als ich mich hinsetzte, dass nur noch zwei der Jäger da waren und beide schliefen. Blitze hinterlegten den grauen Himmel, an dem ich auch Vögel umherfliegen sah. Diese Vögel erinnerten mich sehr stark an Flugsaurier, da die Flügel nicht aus Federn zu bestehen schienen. Am ganzen Horizont erkannte ich einige Bergketten und auf der anderen Seite von mir lag ein dichter, ausgestorbener Wald, in dem ich letzte Nacht Bekanntschaft mit zwei Wesen der Unterwelt gemacht hatte. Der Hügel auf dem ich Platz gefunden hatte, war anscheinend die höchste Erhebung der Insel. Um diese Insel flossen überall mit dichten Nebelschwaden verhüllte Gewässer herum. Außerdem stellte sich ein Schatten, der mir in der Nacht aufgefallen war, als ein Grabmal heraus. Wir befanden uns in einem Friedhof, der scheinbar für Riesen gedacht war, was ich aus der Größe der Gräber schloss. Am Abhang des Hügels waren überall Kreuze und Grabsteine verteilt.

Bei dem näheren Blick auf ein Memorium hörte ich oben beim Feuer einen Aufschrei. Ich hastete los und kam vom Regen durchnässt oben an. Die eine Vampirjägerin hatte Alpträume, denn sie schlug wild in der Luft herum und sagte Sprüche auf, die gegen Monster wirken sollten. Mit jedem Spruch kamen Flammen, Wasserfontänen und auch manchmal Blitze aus ihren geballten Fäusten. Als plötzlich ein Schwert aus Flammen den anderen Jäger streifte, wachte dieser auf. Er schrie sie zuerst an und machte seinem Ärger so laut Luft, dass Serra erwachte und sich hinter mir aufstellte. Mit schlaftrunkenen Augen blickte sie dem Spektakel zu und wunderte sich über diese fremdartigen Leute.

Aus der Ferne konnte ich eine sanfte Melodie hören. Die anderen bemerkten sie auch und ich sah am anderen Ufer des Flusses, der die Insel umfloss, ein golden glitzerndes Wesen. Es sprang plötzlich in die Fluten aus Toten und verschwand. Ich konnte dem Drang nicht widerstehen, hinterher zu tauchen, woraufhin auch Serra in das Gewässer sprang und neben mir abtauchte. Das goldene Wesen war kaum auszumachen zwischen den Leichen und auf einmal wurde alles dunkel. Wir verloren das Wesen aus den Augen und tauchten wieder auf, allerdings waren wir nun nicht mehr an der Insel sondern an einem fremdartigen, lebendigen Wald angelangt.
Ich zog mich an einer Wurzel eines Baums mit scharfen Kanten und Ecken an den Ästen heraus und Serra gelangte wenige Meter flussabwärts auf die gleiche Art an Land.
Der Wald war komplett grün bis auf die wenigen Wurzeln am Boden. Alles war von Kletter- und Schlingpflanzen bedeckt und ich erkannte auch einige Gewächse aus den Mooren der Erde wieder.
Serra sprang aufgeregt hin und her, als sie eine Blume aus Kristallen ansah und rief mir zu „Ich kenne diesen Ort. Es sind heilige Gärten. Hier wachsen Pflanzen, die man nirgends sonst findet und deren Bestandteile alle Krankheiten bekämpfen können, die der Mensch kennt. In einer Vision war ich schon einmal hier und eine dieser Kristallblumen bekam Knospen, als ich sie anfasste. Sie wurde innerhalb von wenigen Sekunden riesig groß und vor mir stand ein Baum, der aus der Pflanze kam. An dem Baum hingen stattliche Früchte, fast so rund wie Pfirsiche, aber von riesigem Ausmaß und grüner Färbung. Jemand, den ich nicht kenne, aß von einer dieser Früchte und fiel tot um, kurz darauf stand er wieder auf, als wäre nichts gewesen, doch spürte ich in diesem Moment eine andere Aura an ihm, dann wachte ich auf.“
„Ich hatte zwar noch keine Vision hiervon, aber ich habe so das Gefühl, hier wirklich einst gewesen zu sein. Wann hattest du eigentlich diese Vision?“ „Es war letzte Nacht, das Gebrüll um mich hat mich aufgeweckt.“ „Ich bin wenigstens nicht daran Schuld, wie an sonst allem.“ „Wieso solltest du Schuld sein?“ „Mein Bruder hatte früher mal den Computer und auch die restlichen elektrischen Dinge in unserer Wohnung bearbeitet und ich, als ahnungsloses Kind, wollte einfach nur eine Kindersendung schauen, weshalb ich den Fernseher anschaltete. Wir hatten damals noch ein sehr altes Gerät mit Druckschalter zum Anschalten. In dem Moment, als ich den Fernseher an machte, gab es einen lauten Knall und alles Mögliche flog mir um die Ohren. Stücke des Computerbildschirms, der Drucker, die Kühlschranktür, ein Schalter von unserer Mikrowelle, zum Glück traf mich davon nichts. Leider kam es aber so, dass auch noch die Mattscheibe des Fernsehers in kleine Stücke zerbrach, als ein Magnet von der Kühlschranktür abflog. Bei meinem Glück trafen mich drei große Scherben im Gesicht, aber alles ist mit kleinen Narben verheilt. Deshalb auch die Narbe an meiner Stirn, die dir sicher schon aufgefallen ist.“ „Du hast Narben?“ „Hast du sie wirklich noch nicht bemerkt? Sie sind so offensichtlich, ich spüre sie sogar, wenn ich nur mit der Hand über mein Gesicht streiche.“ Ich fasste mir symbolisch an die Narbe an der Stirn, doch da war keine. Danach ging ich schnell zu den anderen Beiden an Kinn und Wange über, doch auch diese beiden waren verschwunden. „Jedenfalls war ich automatisch an dem Chaos in unserer Wohnung verantwortlich, obwohl mein Bruder eigentlich Schuld war. Aber irgendwie kenne ich diesen Ort auch.“ „Wenn wir jetzt hier diesen kleinen Pfad entlang gehen, kommen wir zu einer alten Esche, die bis in den Himmel zu reichen scheint. Ich stand heute Nacht vor ihr und schaute an ihrem Stamm hinauf, bis ich mich entschloss, weiter zu gehen. Das war zeitlich nachdem der Unbekannte von der Frucht gekostet hatte.“ „Nun denn, gehen wir.“

Serra leitete mich durch das dichte Gehölz und zwischen Büschen umher, die größer waren als ein Haus. Wir kamen nach knapp hundert Metern auf eine Lichtung, die von leuchtenden Blumen umgeben war. Im hohen Gras lag jemand, der deutlich atmete, doch dieser Mann wachte nicht auf, als ich ihn mit einem, von Wind oder Ähnlichem, abgebrochenen Zweig anstieß. Er hatte einen langen Bart, der in zwei Zopfgeflechten endete und seine Haare waren leuchtend blond. Die Haut war schneeweiß, als ob er noch niemals in der Sonne gewesen wäre, trotz dessen hatte er mehr Muskeln als Sportler, die auf Kraft trainieren. Er machte auf mich den Eindruck eines Wikingers, der seine Ausrüstung verlegt hatte, aber auf dem Leinenhemd, in dem er da lag war eine blaue Sonne mit langen, geschwungenen Strahlen abgebildet. Ich fragte mich, was eine blaue Sonne hier in Midgard bedeuten könne, bis mich Serra rief: „Wir müssen sofort weiter, sonst wird es dunkel.“ worüber ich mich sehr wunderte, denn es war gerade erst die Mittagszeit vorbei und der Nachmittag begann nun ungefähr.

Wie es sich heraus stellte, hatte Serra vollkommen recht gehabt, weshalb wir nach wenigen Momenten in einer klaren Nacht standen. Das einzige Geräusch, das wir auf den gesamten hundert Metern des Weges durch die Nacht hörten, war ein Vogel, der sich darüber ärgerte, dass wir seinem Nest zu nahe kamen.
Dann standen wir vor einem Baum, der von innen heraus grün glühte und um den tausende kleiner Feen herumschwirrten, die ihn in gelbe Streifen einhüllten. Kurz darauf hörten wir einen Knall, es wurde alles dunkel und dann taghell. Wir standen in einem steril weißen, vollkommen leeren Raum, in dem zwei etwas zu kurz geratene Menschen in Latzhosen standen.
Der eine meinte: „Isaac du Idiot, du hast schon wieder den falschen Schalter betätigt. Jetzt haben wir noch mehr Probleme. Wir sollten beobachten, nicht die Leute herführen. Du bist so dumm.“ „Na das haben wir gleich...“ Ich fiel Isaac ins Wort: „Was, wie? Wer hat gesagt, dass ihr beobachten sollt? Wer seid ihr überhaupt?“ und Isaac redete unbeirrt weiter: „… Nur noch das und das, ääh ja, jetzt:…“ Er schlug auf eine Konsole die aus dem Nichts entstand und plötzlich wurde alles blau. Der bisher Namenlose schrie wieder Isaac an: „Du Depp, Volltrottel, jetzt verstellst du auch noch den Hintergrund, aber machst nichts anderes. Ach egal, was wolltet ihr beiden noch mal wissen?“ Serra antwortete: „Wir wollten wissen, wer euer Auftraggeber ist, wenn man ihn oder sie so nennen darf. Außerdem haben wir immernoch keine Ahnung, wer ihr seid und da ihr uns anscheinend kennt, könnt ihr uns das ja sicher sagen.“ Isaac war immernoch vertieft in seine Konsole, weshalb der andere sagte: „Ja gut, wir sind die Walkürenbrüder Isaac und Inesh. Walküren werden in eurer Welt, ich glaube sie hieß Eden, von den als verrückt bezeichneten Fantasy-Rollenspielern auch Elfen genannt. Unsere eigentliche Gestalt sieht anders aus, aber wir beiden sind Körperwandler, die in unserem eigenen Auftrag den Verlauf der menschlichen Zivilisationen in den Welten vor Eindringlingen schützen. Reicht das als Antwort? Ihr dürftet eigentlich gar nicht wissen, dass wir existieren.“ „Wie man ja an eurer Aufgabe sehen kann“, warf ich ein. Isaac hatte inzwischen ein freudestrahlendes Gesicht aufgesetzt und rief: „Ich hab’s endlich, acht Tage vor Ragnarök, vor Yggdrasill.“ Serra fragte so erschrocken, wie ich auch war: „Acht Tage? Das ist doch viel zu wenig Zeit und wieso könnt ihr uns überhaupt in der Zeit herum schicken?“ Inesh erwiderte: „Wir setzen euch sogar in der Zeitlinie sieben Tage vor eurem Verschwinden ab. Der dunkle Himmel war das Anzeichen für den letzten Tag von Midgard. Sucht nach Fenris und findet den Grund für seine Wut, bevor der Himmel sich wieder am Tage verdunkelt.“ Mit einem Knall lagen Serra und ich dann vor dem leuchtenden Baum. Ich hörte eine vernebelte Stimme, die ich Inesh zuordnete, sagen: „Isaac du Idiot, ich war noch nicht fertig, ach egal. Hört ihr uns noch? Also ihr müsst jedenfalls zuerst einmal Fenris in Niflheim aufsuchen und bezähmen, ansonsten geht gar nix. Ach ja: Hel könnte euch eventuell auf die Sprünge helfen und die anderen finden lassen. An Yggdrasill könnt ihr dann entlang klettern, um nach Niflheim zu kommen.“

Vor uns tauchte im Holz des Baumes eine Karte aus Schnitten auf, nach der Niflheim am Ende einer der Wurzeln Yggdrasills lag. Zu großem Bedauern befanden wir uns kurz unter Asgard, dem Himmel und weit über Midgard. Selbst von Midgard brauchte man mit Pferden laut der Karte neun Tage, die wir definitiv nicht hatten. Serra zog mich unvermutet an den Baum heran, schaute mir tief in die Augen und stieß mich ohne ein Wort in den festen Stamm hinein. Sie folgte sofort und wir befanden uns kurze Zeit später in einem Fluss im Innern des Baumes, der wie aus eisblauen Flammen schien. Serra hatte grüne Flügel auf ihrem Rücken und fegte nun so schnell durch das Innere des Baumes, dass ich kaum noch mithalten konnte. Dann spürte ich einen stechenden Schmerz in meinen Schultern und fühlte dort etwas größer werden, aber ich konnte meinen Kopf nicht wenden. Die Schmerzen steigerten sich immer mehr und hörten auf einmal auf. Ich kam Serra immer näher und überholte sie schließlich. Sie schrie mir hinterher: „Drachenflügel sind unfair, ich habe bloß einfache Magie zur Hand.“ Ich wartete einen Moment auf sie und packte sie schließlich von hinten. Die Kraft meiner Flügel war stärker als ihre, wodurch wir wesentlich schneller voran kamen, als wenn sie alleine flöge.

Das Innere des Baumstammes wurde immer wärmer, je weiter wir nach unten kamen, bis Serra mir zu rief: „Hier müssen wir raus, sonst sind wir an Midgard vorbei. Und zu den Wurzeln kommen wir in diesem Strom nicht.“ Ich befolgte ihren Befehl kurzerhand. Im nächsten Moment wurden wir aus dem Stamm heraus geschleudert und krachten auf den Erdboden. Anscheinend hatte sich Serra nichts getan, aber ich war mit der Nase zuerst etwas unsanft gelandet, wodurch ich mit Nasenbluten weiter gehen musste. Hier in Midgard, als Ebene in dem Midgard, das alles zusammen ergab, war überall Brachland, jedoch gab es Pilze in allen Größen und Formen. Manche dieser Pflanzen waren so groß wie Bäume, andere wiederum hatten starke Ähnlichkeit zu Büschen und Sträuchern.

Wenige Meter vor mir wurde die Sicht für einen kurzen Augenblick verschwommen und aus diesem Gebilde verschobener Gegenstände trat ein Zwerg mit langem, blonden Bart und ebenso langen Haaren heraus. Zu seiner Rechten trug er eine doppelschneidige Axt, die fast so groß war wie er selbst und auf seinem Schopf thronte ein grauer Stahlhelm mit Hörnern aus Knochen und Zähnen von anscheinend von ihm erlegten Unwesen. Auf seinem Rücken trug er einen gewaltigen, runden Holzschild. Sein grimmiger Blick funkelte stärker als sein Kettenhemd, das in Lederstiefeln endete.
Mit einer gedrungenen, aber trotzdem bärenartigen Stimme schmetterte er uns: „Was wollt ihr hier in Midgard?“ entgegen. Serra war schneller mit einer Ausrede fertig und meinte: „Odin hat uns entsandt, um den Fenriswolf in Niflheim zu finden. Dazu müssen wir aber zuerst Hel aufsuchen, die uns weiter helfen kann.“ Zornig sagte er: „Die letzten beiden Eindringlinge haben das selbe gesagt und wurden gefressen von einem Schoßtier der Götter höchstpersönlich. Ihr seid elende Heuchler und dafür sollt ihr büßen!“ Er schwang seine Axt und verfehlte nur knapp meinen Kopf, was bei seinem knappen Meter Körpergröße generell sehr schwierig zu bewältigen war. Serra rannte los und schickte ein Stoßgebet an Yggdrasill, woraufhin einige der Pilzbäume in der Nähe ihre eigenen Wurzeln aus dem Boden rissen. Auf ihren Wurzeln kamen sie schließlich angekrochen. Der erste Pilz erreichte uns und schlug mit einem Ast, der spontan gewachsen war aus. Auch er verfehlte mich anstatt des Zwerges, was Serra nun wirklich nicht erwartet hatte. Die restlichen Pilze kamen an und schlugen auch auf mich ein, doch ich wich den recht langsamen Bewegungen aus. Serra schrie durch die dumpfen Laute der Pilze hindurch: „Meine Magie nutzt hier nichts, ich kann hier nichts ausrichten.“ In der nächsten Sekunde hörte ich einen spitzen Schrei, der definitiv nach Serra klang. Unter den Schlägen der Pilze durchtauchend bemerkte ich, dass der Zwerg verschwunden war, doch ich konnte auch Serra nicht mehr sehen.

Vom Himmel fielen Schatten auf mich und ich schaute hinauf. In den Wolken flogen riesige Greifen. Greifen sind immer Mischungen aus Raubvögeln und Raubkatzen, wobei diese eindeutig nicht dem typischen Löwen-Adler-Greif entsprachen. Sie hatten zwar Pranken und riesige Flügel, aber der kräftige Körperbau fehlte. Hinter mir hörte ich nur etwas anrauschen und schon wurde ich durch die Luft geschleppt, von einem Greif, wie unschwer zu erkennen war. Sein Vogelkopf glich einem Falken und die Flügel hatten eher etwas von denen des legendären Pegasus, einem geflügelten Pferd aus der griechischen Sage. Ich fragte mich, zu welcher Art der Katzenkörper gehörte, bis ich zu dem Schluss kam, dass dies wohl eine ägyptische Wildkatze sein müsse. Aber was hatten Tiere aus Griechenland und Ägypten hier in der nordischen Kultur und Welt zu tun? Der Greif hielt mich zwar so fest, dass ich mich kaum bewegen konnte, aber dennoch fügte er mir keine Schmerzen zu.
Inzwischen war der Greif zu der Gruppe seiner Art gestoßen und ich sah auch Serra und den Zwerg in den Pfoten zweier anderer Greifen. Die bestimmt zwanzig Exemplare beinhaltende Gruppe wurde von einem Greif von der Größe eines Kleinflugzeuges angeführt. Auf dem Hauptgreif saß ein Troll von etwa zwei Metern Größe und grüner Haut und gab dem Greifen Befehle. Er hatte ausschließlich einen Lendenschurz und Ledersandalen an, was mich nicht sonderlich störte, aber scheinbar regte sich Serra wenige Meter unter mir sehr darüber auf.

Aus den Büchern kannte ich Trolle nur als Riesen mit klumpigen Körpern, einer riesigen Keule in der Hand und minderer Intelligenz, doch dieser war von einer anderen Art. Vielleicht war er ein Waldtroll, denn Waldtrolle werden allgemein als kleiner dargestellt und zumeist auch von höherem Intellekt, aber nicht unbedingt als schlauer. Der Troll hatte einen Stab in der Hand, aus dem Funken herausflogen, während er sprach. Seine Sprache verstand ich zwar nicht, aber zumindest konnte ich mir den Sinn der Worte zusammenreimen, denn immer wenn der Troll zu Ende gesprochen hatte, reagierte sein Greif und dann auch die ganzen anderen Geschöpfe. Der Hauptgreif war wohl ein Greif, so wie man sie immer geschildert bekommt, denn er hatte alle Charakteristika des Mustergreifen aus Löwe und Adler. Die Flügel gehörten eindeutig zu dem Kopf des Tieres, aber diese Gattung der Adler hatte ich bisher noch nicht gesehen. Zumindest war sein Leib der eines Löwen, auch wenn er weiße Tigerstreifen im goldgelben Fell hatte. Auf der Erde hatte ich von Tieren gehört, die aus Löwen und Tigern gekreuzt wurden und dann Merkmale beider Gattungen besaßen und auch beide Katzensprachen beherrschten.

Als ich einen Blick durch die dichten Wolkenfelder auf den Boden erhaschen konnte, sah ich weit und breit nur Brachland mit diesen fremdartigen Pilzbäumen. Meine innere Stimme sagte mir, dass ich hier möglichst schnell verschwinden solle, da ich hier sonst nicht lebend heraus kommen würde. Ich versuchte diese Stimme zu überhören, was mir durch den atemberaubenden Anblick von riesigen Bergketten, die aus dem Wolkenschleier auftauchten, deutlich erleichtert wurde. Die Berge waren blendend weiß im Licht von Sol. Einige Schneewehen konnte ich aus großer Entfernung bereits genießen, denn einzelne Flocken legten sich mir auf die Haut, als wir hoch über den Schnee hinweg flogen.

Dann, wie auf ein Kommando, teilten sich die Greifen auf und ich wurde von Serra und dem Zwerg getrennt. Serra rief mir noch zu: „Ich hoffe wir sehen uns bald wieder, denn ich muss dir noch etwas sehr wichtiges sagen.“ „Dann sag es mir jetzt.“ „Nein, der Augenblick ist nicht der Richtige.“, und sie verschwand hinter einem Gipfel. Den Zwerg hörte ich so lange lauthals über den Greifen fluchen, bis auch er zu weit entfernt war.
Mein Greif folgte dem Hauptgreif zu einem riesigen Horst, der etwa die Ausmaße eines Fußballfeldes hatte, wo er mich schließlich unsanft landen lies. Der Horst wurde von dichten Nebelschwaden umgeben und war um einen steilen Berggipfel herum aufgebaut. Der große Greif setzte den Troll ab und verschwand mitsamt dem kleinen Gefährten, der mich kurz vorher abgelegt hatte.

Der Troll kam auf mich zu und spielte scheinbar mit dem Gedanken, mich mit seinem Stab zu erschlagen, sobald ich weg rennen würde. Aus dem Stab kamen zumindest keine Funken mehr geflogen und als der Troll noch gut zwei Meter von mir entfernt war, setzte er sich hin. Er gebot mir mit einfachen Gesten, mich auch zu setzen. Aus seinem Lendenschurz zog er einen Stock mit mehreren Löchern hervor und kramte aus einer kleinen Tasche, die er im Horst aufgenommen hatte etwas hervor, das wie ein Uraltmodell eines Feuerzeuges aussah.
Er sagte zum Feuerzeug etwas und daraus stachen ellenlange Flammen hervor. Er versengte sich einen Teil seines dunkelblauen Irokesen-Haarschnittes und machte seinem Ärger Luft, indem er etwas brüllte, was ich gar nicht verstand. Aber plötzlich zogen sich die hellgrauen und weißen Wolken am ansonsten klaren Himmel zusammen und mit einem Donnerschlag kündigte sich ein schweres Gewitter an. Der Troll nahm seinen Stab, stellte sich hin, schaute gen Himmel und lachte, woraufhin sich der Stab in einen Regenschirm verwandelte.
Inzwischen war klar, dass Midgard wohl doch nicht so rückständig war, wie ich zuerst angenommen hatte, denn zumindest in Sachen Magie, Biologie und Erfindungsreichtum konnte ich hier noch Einiges lernen.

Ein Blitz schlug in den Schirm ein und die ganze Umgebung fühlte sich geladen an. Der Troll hatte wieder seine komplette Haarpracht, nun allerdings in grellgelb und die Haare standen nicht in einer Reihe, sondern waren kreuz und quer gestellt. Etwas knisterte neben mir und mit einem Donnerschlag zusammen erschien ein roter Umriss eines Menschen. Dann entstand roter Rauch in den Formen und plötzlich fiel Serra aus dem Rauch heraus auf den Boden.

Serra sagte total verstört: „Die haben mich astral hier her geschickt, hab keine Ahnung, was die jetzt gemacht haben“, woraufhin ich sie fragte: „Wie, was? Astralwege? Wen meinst du mit die?“, doch Serra stammelte nur noch vor sich hin und der Troll sagte: „Ihr kennt die Sprache der Weisen? Das wusste ich nicht, Entschuldigung wegen der Greifen. Ich glaube sie meinte, dass der Priesterzirkel sie astral teleportiert hat. Und bevor ihr noch fragt: Die Astralwege sind eine Realität, die nur im Geist existiert. Wenn man die Astralwege verlässt, entsteht genau da, wo man im Astralraum zuletzt war, der Körper. In den Astralwegen kann man sich wesentlich schneller fortbewegen, das nennen wir Teleportieren. Wenn der Körper sich manifestiert, kommen rote Erscheinungen auf. Man kann aber trainieren und diese Erscheinungen kurz halten oder sogar ganz verschwinden zu lassen, dann ist man mit einem Gedanken schon in der körperlichen Ebene. Die Astralkörper der Läufer, wie wir sie nennen, sind die Formen des kindlichen Körpers der Person. Ich nehme euch beiden mal mit auf eine Reise. Wo soll es hin gehen?“ Ich antwortete hastig mit „Niflheim, wir haben noch eine Aufgabe zu erfüllen.“ Etwas entgeistert willigte er mit einem Nicken ein: „Aufpassen, es kann tödlich enden, wenn ihr euch nicht konzentriert und irgendwo mitten in einer Schlucht landet.“

Ich machte mich zwar bereit, aber nachdem der Troll eine Formel aufsagte, fühlte sich mein Körper an, als würde er in tausend Stücke gerissen werden. Ich schloss die Augen und sah einen Moment später in einer nebligen Welt, die nur gering Ähnlichkeit mit der Realität hat, Serra als kleines Mädchen, dem Mädchen, das ich im Kindergarten getroffen hatte. Trotz den weißen Nebeln, die alles bedeckten und dämpften, war es heller als bei strahlendem Sonnenschein auf einem Gletscher.
Ein kleiner Troll hüpfte vor mir umher und sagte: „Wir müssen los, sonst kommen die Nebelfresser, eine Art von Wesen, die nur im Astralraum leben können. Die essen uns sonst auf.“ Ich fühlte, wie ich auch in meinen Gedanken immer kindlicher wurde und rannte mit Serra um die Wette, doch sie sprintete an mir vorbei, ohne dass ich auch nur die geringste Chance hatte. Der Troll hetzte uns nach und er stammelte völlig abgehetzt, nachdem wir anhielten: „Wir sind schon lange an Niflheim vorbei. Falls ihr’s wissen wollt, wir sind grade über Hel und dahinter ist mal ein Mönch abgestürzt. Es gibt eine Grenze, die nicht übertreten werden sollte, also Stopp jetzt und haltet euch an mir fest, es geht zurück nach Midgard.“
Serra reagierte nicht schnell genug auf die Aufforderung, deshalb nahm ich sie an einem Träger ihres Kleids, dabei sah ich eine strahlend weiße Wand aus Nebel.
Dann spürte ich abermals, wie sich mein Körper in winzige Bruchstücke aufteilte und ich sah die neblige Umgebung klarer werden. Als ich schon fast wieder auf dem Boden stand wurden meine Körperstücke mit einer glühend heißen Form zusammengepresst. Im nächsten Moment lag ich schon auf dem Boden und schluckte matschigen Boden.
Ich drehte mich auf den Rücken, sah zum Himmel auf und erschrak bei dem Anblick von weißen Seelen, die am Himmel herum flogen. Andere Seelen hatten sich zu Wolken verbunden, manche dieser Wolken waren auch auf dem Boden und bildeten dichte Nebelfelder.
Serra lag aufgelöst neben mir und rieb sich die Augen. Der Troll machte ein ernstes Gesicht, als er sich neben meinen Kopf stellte. Dann ertönte eine schaurige, schrille aber dennoch tiefe Stimme aus der Luft: „Was wollt ihr hier?“
Der Troll rang sichtbar mit sich, nicht einfach wieder zu gehen, antwortete der Stimme aber in klarem Ton: „Diese beiden Abenteurer sind auf der Suche nach Fenris, dem Götterwolf. Sie müssen ihn aufhalten, bevor er das Ragnarök auslöst.“ Die Stimme erwiderte: „Einen Moment bitte. Bevor ihr hier eintreten dürft, müsst ihr an Zerberus vorbei. Dann ist sicher, ob ihr reinen Herzens seid oder nicht. Andernfalls zerreißt er euch allein mit seinem Geheul.“

Serra war anscheinend immernoch mit ihrem kindhaften Geist belegt, weshalb sie sofort los rannte, als die Stimme wieder ertönte: „Geht nun in die Höhle.“ Mit einem Funkenregen angekündigt, tauchte ein Fels aus dem Boden aus. Ein riesiger Hundekopf stellte den Eingang dar. Bei Serras erstem Schritt in die Höhle stolperte sie über den Saum ihres Vampirkleides und machte keine Bewegung mehr. Ich rannte zu ihr.
Erst als ich direkt neben ihr stand, rührte sie sich wieder. Ich schaute aus der Höhle hinaus, um zu erfahren, ob der Troll uns folgte, doch er machte nun auch keine Bewegung.
Sie sagte zu mir: „Mir ist nichts passiert, außer dass ich einen Filmriss habe. Als ich hier meinen ersten Schritt hinein setzte, wurde plötzlich alles schwarz. Dann standest du neben mir und ich lag auf dem Boden. Ich nehme an, dass wir gerade eine Schwelle übertreten haben. Vielleicht war das der Test von dem Hel gesprochen hat.“ „Das kann gut sein. Da draußen unser Troll bewegt sich nicht mehr. Ich glaube, dass dies hier nicht nur ein Test war, wenn es denn einer war, sondern auch die Zeit hier drinnen anders ist. Wäre ich draußen geblieben, würde ich dich vielleicht immernoch hier liegen sehen.“ „Das ist der Zugang zu Hel, einer komplett anderen Welt.“
Vor uns fing plötzlich die massive Felswand an heller zu werden und innerhalb weniger Sekunden war dort ein Wirbel aus grellen, bunten Farben. Der Wirbel wurde immer schneller und fing mit ohrenbetäubendem Lärm an, uns anzusaugen. Serra schrie mir etwas zu, aber alles wurde vom Lärm übertönt. Dann sah ich nur noch wie sie den Stein, an dem sie sich fest hielt, los ließ und in den Farben versank. Sie wurde scheinbar in ihre Atome zerrissen und der Sog war inzwischen so stark, dass ich mich auch nicht mehr halten konnte. Ich atmete ein letztes Mal durch und musste dabei feststellen, dass die Luft auch schon weg war.

Mit einem leichten Reißen an meinen Fingern zerbrach der Stein, an dem ich halt suchte und ich wurde auch von den Farben aufgesaugt.
Im Innern des Wirbels herrschten bis auf blendend helle Farben normale Verhältnisse. Ich konnte auf einem Stück eisblauem Boden stehen und sah wenige Meter von mir entfernt einen weiteren Block in roter Farbe, auf dem Serra im Schneidersitz saß. Sie hielt etwas Graues in ihren Händen, das sich bewegte. Sie rief zu mir: „Komm her, die Wege sind unsichtbar, du kannst nicht fallen. Dort oben war ich auch eben schon.“ Mit einer lässigen Bewegung zeigte sie auf einen Baum der in der Luft falsch herum hing. Etwas irritiert ging ich über das Farbenmeer unter mir und sah einige skurrile Fische darin schwimmen. Einer davon hatte mindestens zehn Flossen am Kopf und die Augen auf den Seitenflossen.
Als ich Serra schließlich erreichte erkannte ich ein Fellbündel mit riesigen Augen, das mir irgendwie bekannt vorkam. Ich fragte Serra: „Was ist das? Mir kommt es von der Erde her bekannt vor. Lebt es nicht normalerweise in Afrika?“ „Nein, das ist ein Koboldmaki, und die kommen aus Südostasien. Hast du noch nie die Geschichten der Eingeborenen gehört, die besagen, dass Koboldmaki Geisterwesen seien?“ „Ehrlich gesagt weiß ich nur noch von den Augenmaßen etwas. Wenn wir Menschen Augen hätten wie diese kleinen Viecher müssten wir Äpfel haben.“ „Hey, das sind keine Viecher, das sind kuschelige kleine Primaten.“ „Es ist mir eigentlich vollkommen egal, was das genau ist. Wir müssen weiter.“ „Müssen wir nicht, denn das hier ist Fenris.“ „Was soll das Etwas da sein? Du willst mir doch nicht ehrlich erzählen, dass so ein kleines ääh Tier der große, böse Wolf Fenris sein soll.“ „Glaub mir doch einfach mal.“ „Na gut.“
Das Fellbündel machte einige fiepende Geräusche und wurde plötzlich flüssig. Serra ließ es auf den roten Stein fallen, woraufhin sich der Brei neu formte. Nach etwa einer Minute saß ein winziges Hündchen vor uns und kläffte uns an. Dann machte es eine Kopfbewegung, mit der es sich eigentlich das Genick gebrochen hätte, aber es wurde danach immer größer und ich bemerkte, wie der Boden unter mir absackte. Einige Splitter des unsichtbaren Grunds fielen in das farbenfrohe Wasser und die Fische darin kämpften gleich um das Material.

Serra stand breit grinsend neben mir und lachte mich aus. „Okay, ist ja gut, ich glaube dir, dass das Fenris ist. Aber was hat schon ein Koboldmaki mit einem ausgewachsenen Fleischfresser zu tun?“ „Fenris ist kein Fleischfresser, sie kann keiner Fliege etwas zu Leide tun.“ „Wieso jetzt plötzlich sie? Ist unser großer böser Wolfsrüde jetzt etwa eine große liebe Wölfin?“ „Du hast es erfasst. Fenris wird von Hel bewacht, genauso wie ihre Kinder sie bewachen. Zerberus, Managarm, Hati und Sköll. Alles sehr bekannte Wölfe aus den Sagen der antiken Völker, aber der große Fehler ist, dass Fenris nicht aggressiv ist und Tyr keine abgebissene Hand hat, was in der nordischen Mythologie völlig falsch interpretiert wurde. Der einzige gefährliche hier ist Managarm, der sich seiner magischen Ketten entledigt hat und nun außerhalb des Einflusses von Hel umherstreift. Leider kann man als Normalsterblicher Managarm weder sehen noch spüren, weshalb das Töten nochmals um eine Spur schwerer wird.“ „Können Hati und Sköll Managarm sehen? Dann ist unser Problem doch schon fast gelöst.“
„Ja sie können dies, aber ohne die Beiden ist Fenris wehrlos und kann von den Abtrünnigen gefunden werden.“ „Wer sind die Abtrünnigen?“ „Eine Menschenart, die sich der Sage verschrieben hat. Sie haben Mutationen, durch die sie komplett blau bis schwarz gefärbt sind, aber dadurch werden sie von Fenris und Zerberus nicht gesehen. Hati kann sie riechen und Sköll sie spüren.“ „Gibt es für uns selbst einen Weg, diese Abtrünnigen zu besiegen?“ „Wir als Menschen haben keine Probleme, sie zu sehen, allerdings hat sich bisher keiner getraut sie anzugreifen. Außerdem haben wir noch zweihundert Tage Zeit, uns einen Plan auszudenken.“ „Zweihundert Tage? Es hieß doch, dass das Ragnarök in acht Tagen kommen würde. Das haben die verrückten Elfen doch gesagt.“ Ich hörte eine wohlbekannte Stimme aus der Luft: „Hey, wir sind nicht verrückt. Etwas durchgeknallt schon, aber nicht verrückt. Stimmt’s Isaac?“ Kein Ton. Wieder fragte Inesh: „Stimmt’s Isaac?“ Weiterhin Stille. „Ich komm gleich wieder. Wo bist du, du Idiot, Dorftrottel, warum hat man dich am Leben gelassen, als du geboren wurdest?“ Die zornige Stimme verschwand. Serra schaute mich etwas verwirrt an. „Hast du schon wieder mit diesen Walküren geredet, oder wie auch immer die sich nennen? Du hast einen etwas seltsamen Blick drauf.“ „Also ich glaube eher Inesh hat sich mit mir und Isaac unterhalten, dann is aber von Isaac keine Antwort gekommen. Aber ich habe immernoch nicht den blassesten Schimmer, warum wir jetzt plötzlich so viel Zeit haben.“
„Es ist eigentlich ganz simpel. Und zwar hatten uns die beiden Walküren im falschen Moment abgesetzt, deshalb hatten wir eigentlich nur noch etwa einen Tag Zeit. In der Astralebene haben wir aber so viel Zeit gut gemacht, dass wir durch die Zeit zurück gereist sind. Ich weiß auch nicht, wie wir durch die Zeit zurück reisen konnten, aber es ist nun mal geschehen und wir müssen uns damit abfinden.“ „Ist die Zeit eigentlich von Gaia zur Erde verschoben?“ „Sehr gering, ja. Warum fragst du?“ „Weil es sein kann, dass wir in einer anderen Welt vielleicht die Hilfe bekommen können, die wir hier benötigen. Wir könnten auch Telaine und ihre anderen Engel her holen.“ „Sehr schlechte Idee. Telaine ist hier geboren und sieht deshalb nicht die Realität so wie sie ist. Zum Beispiel sehen wir hier alles bunt, aber die Nordmenschen erkennen nur Schwärze, zerquetschende Schwärze. Sie werden in diesem Licht verrückt und bringen sich selbst um. Eine der Schutzfunktionen, gegen die die Abtrünnigen sich gerüstet haben.“
„Woher weißt du das eigentlich alles?“ „Das hat mir Fenris gerade erzählt, als du mit den Walküren beschäftigt warst.“ „Das waren bestenfalls zwanzig Sekunden, viel zu wenig um das alles auszusprechen.“ „Du hast immernoch nicht dazugelernt. Telepathie rechnet nicht in Zeit oder Worten sondern geistiger Kraft. Und man sollte geübt sein, um Telepathie zu empfangen, ohne gleich einen Kreislaufzusammenbruch zu bekommen.“ „Ich kann das garantiert auch.“ „Das würde ich nicht hier ausprobieren, aber wenn wir wieder auf der Erde sind, können wir gerne.“ „Ist ja gut jetzt. Also wie können wir die Abtrünnigen besiegen und gleichzeitig Managarm jagen, ohne Fenris in Gefahr zu bringen?“ „Fenris meint, dass wir nach Eden reisen sollten. Ich erinnere mich auch daran, dass die beiden Walküren die Erde wohl aus Versehen Eden genannt haben.“ Ich grübelte etwas nach, aber mir fiel das Gespräch nur noch in Fetzen ein. „Kann sein, dass die das gesagt haben. Ich für meinen Teil erinnere mich kaum noch daran. Wie auch, wenn das Gespräch erst in der Zukunft sein wird.“ Ich lachte etwas über meinen dummen Witz.

Mindestens eine viertel Stunde gab es keine Regung von Serra, da sie anscheinend angestrengt nachdachte. Ich machte mir derweil eher Gedanken, wie ich in so etwas herein geraten konnte und wieder heraus kommen könnte, ohne mehr Blut zu vergießen, als nötig wäre. Mir fiel ein Computerspiel ein, das ich in meiner Jugend oft im Internet gespielt hatte und dort ging es um drei Völker, die untereinander Krieg hatten, weil sie ihre Sprachen gegenseitig nicht verstanden, lange Zeit mein Lieblingsspiel, bis ein Patch heraus kam, mit dem man eine Botschaft errichten konnte, von der aus Frieden erklärt werden konnte. Jedes Mal verbündeten sich die anderen gegen mich, weil ich nichts von der Botschaft hielt und so verlor ich immer. Mit dem nächsten Patch wurden dann die Krieger von meinem Lieblingsvolk so schwach, dass ich einfach keine Lust mehr hatte, solche Spiele zu spielen.
Während der nächsten Minuten driftete ich immer mehr ab in meine Vergangenheit, sodass ich nicht bemerkte, wie Serra sich vor mich stellte: „Hallo? Lebst du noch?“ „Äh, ja, glaub ich zumindest.“ „Die Farben drücken wohl auf deine Gehirnwindungen. Ich habe jedenfalls herausgefunden, wie wir nach Eden kommen könnten. Der Troll sagte, dass das Ende von Midgard im Astralraum nicht mehr fern sei und wir dort hinunter fallen könnten und deshalb niemals wieder zurück kommen würden. Ich denke eher, dass die Verschwundenen nicht mehr in diese Vormittelalterliche Welt zurück wollten und deshalb dort geblieben sind.“
„Also du meinst, dass dieser Rand die Grenze nach Eden ist. Also ich kenne Eden immernoch nur durch diese Bibel von den Christen. Es wird das Paradies genannt, könnte hinkommen, dass sie nicht mehr gehen wollten.“ „Eben das meine ich. Wenn Eden, das Paradies, wirklich existiert, könnte sich sogar endlich mal die Bibel bewahrheiten, auch wenn seit mehreren Jahren fast keiner mehr wirklich an sie glaubt.“ „Aber ich spende keine Rippen.“ „Habe ich irgendwas davon gesagt, dass ich Eva und du Adam bist?“ „Ja ja, müssen wir nicht so langsam los? Und was wollen wir in Eden eigentlich machen?“ „Dort können wir eventuell geeignete Jäger für Managarm finden, die sich uns anschließen und gleichzeitig die Abtrünnigen bekämpfen.“ „Na dann los, sonst wird es zu spät.“ „Hast du vergessen, dass wir selbst nicht in den Astralraum kommen, ohne Hilfe? Außerdem sieht dort alles gleich aus, am Ende kommen wir noch bei Telaines Lager heraus und dann haben wir endgültig die Orientierung verloren.“ „Du vergisst, dass mir diese Grenze weiß erscheint.“ „Hey, das hattest du nicht gesagt. Aber Fenris meinte eben, dass Zerberus uns in den Astralraum bringen kann.“ „Dann aber los.“
Wir verabschiedeten uns von den Wölfen und gingen in Richtung der Wirbel, die uns her gebracht hatten.

Nach etwa zehn Metern liefen wir gegen eine massive Wand, kippten vom unerwarteten Aufprall um und lagen in den Regenbogenfarben herum.
Die Farben verschwammen und wurden zu einer schwarzen Masse die sich immer langsamer bewegte und schließlich in bizarren Felsformen zum Stillstand kam.
Es roch sehr stark nach Schwefel an diesem nahezu komplett dunklen Ort. Mir wurde extrem schlecht von diesem widerwärtigen Geruch. Ich hörte Serra neben mir nach Luft hecheln, wenigstens ein Zeichen, dass sie noch bei Bewusstsein war.
Ihr Atem wurde langsamer und dann hörte ich einen dumpfen Aufprall aus ihrer Richtung. Mit entnervter Stimme sagte sie zu mir: „Genau über mir ist eine Platte. Wahrscheinlich aus Glas.“ Ich tastete nach oben und auch über mir spürte ich eine glatte, kühle Oberfläche: „Über mir auch, aber probier mal seitlich, vielleicht ist da was frei.“ Es dauerte einige Sekunden bis Serra wieder einen Laut von sich gab. „Igitt, dieses Schwefelzeug wird ja immer stärker.“ „Hast du schon was gefunden?“ „Ja, hier ist alles offen, außer nach oben und unten.“ „Bei mir auch. Ich versuche zu dir rüber zu kommen.“
Ich rollte, oder besser zwängte, mich auf den Bauch und drehte mich in die Richtung, aus der ich Serras Stimme vernahm. Unter mir bröckelte der Boden und ich versackte etwas in dem Sandstein. Dessen ungeachtet robbte ich weiter auf Serra zu, doch ich fand sie im Dunkeln nicht. „Serra, wo bist du?“ Von hinter mir kam ihre Stimme „Hier, sach’ mal, was machst du?“ „Ich wollte zu dir kriechen, aber jetzt bin ich hier.“ „Wo hier?“ „Also hier halt.“ „Ja gut, komm endlich her.“ Ich dachte mir, dass wir doch eigentlich direkt nebeneinander waren, als wir losgelaufen waren, aber weshalb konnte ich sie nicht ertasten, wenn sie doch bloß ein Wenig neben mir lag? Dann krachte es unter mir und ich versackte noch tiefer im steinigen Grund.
Während ich versuchte, mich umzudrehen, wurde der Boden immer weicher und ich versank langsam in einer matschigen Brühe. „Hilfe, ich gehe unter.“ Über mir rief mir Serra zu: „Ich nicht, und wo bist du überhaupt?“ Die klebrige Substanz verschluckte meine Worte und Mund war schon unter der Oberfläche. Ich hatte Schwierigkeiten, einzuatmen und stellte mich auf meine letzten Sekunden ein.

Inzwischen war ich vollkommen versunken und nahm nur noch den schwefligen Geruch des Sandes in meiner Nase wahr. Nach einer Ewigkeit spürte ich unter meinen Händen Freiraum, ohne irgendwelche Anzeichen des Bodens, in dem ich versank. Mir ging so langsam der Sauerstoff aus und die Sinne schwanden dahin. Dann war mein Kopf aus dem Matsch heraus und ich wurde durch meine geschlossenen Lider geblendet von einem viel zu hellen Licht. Meine Augen waren vom Schlamm verklebt und meine Nase brannte von innen.

Ich riss meinen Mund auf und atmete Wasser ein. Das war das letzte, was ich mir gewünscht hatte. Ich hustete und würgte mir die Lunge aus dem Leib, bis ich endlich die Augen öffnen konnte und kleine Wesen vor meiner Nase umher schwammen. Sie kamen mir bekannt vor, aber in meinem Todeskampf konnte ich keinen klaren Gedanken fassen.
Die Wesen hielten mir etwas blaues vor die Nase und mein Hals fing von außen an zu kratzen. Ich hatte nicht mehr genug Kraft, mir den Hals zu jucken und ich sank immer weiter herab, einem sandigen Grund entgegen.

Mein Leben zog an mir innerhalb von etwa einer Sekunde vorüber. Die Kindheit, darin war der Kindergarten, wo ich Serra traf, die Grundschule, der gescheiterte Versuch, das Gebäude von der Gesamtschule nebenan mit Spielzeug-Sprengstoff in die Luft zu jagen, die Zeit, die ich vor meinem ersten PC verbracht hatte. Dann die Mittel- und Oberstufe, dort war ich immer einer der Schlimmsten Finger, obwohl ich nie selbst etwas angestellt hatte, aber die anderen hatte ich oft genug zu Streichen angestiftet. Das erste Studienjahr, das wegen mehreren Schicksalsschlägen abgebrochen werden musste und jetzt die Zeit, in der ich mit Serra zusammen war. Die Hütte im Wald, Gaia, Midgard, Terra, die Jagd nach dem Hohepriester, der Feuerdämon unter der Erde, der Wasserdämon mit dem Teddy.

Das war es, ich war in diesem Brunnen, ich konnte hier atmen, der Plüschbär des kleinen Mädchens, er glühte blau, genau wie das, was mir die Wesen vor die Augen hielten.
Ich schlug die Augen wieder auf und sah jetzt deutlich die kleinen Elfen über mir umherschwirren. In einiger Entfernung konnte ich sogar einige Lichter, die anscheinend zu einer Stadt gehörten, ausmachen. Ich richtete mich auf und schwamm nach oben, in die Richtung aus der ich gekommen war. Eine Elfe fragte mich: „Was suchst du? Nur du kamst her, wir bewachen den Ausgang schon seitdem du weggegangen warst. Aber vor dir kam noch eine Trinkflasche, silbern.“
Die Trinkflasche musste Serras Flachmann sein, den sie von Telaine bekommen hatte.
„Wo ist die Flasche jetzt?“ „Wir haben sie zur Oberfläche gebracht, dort geht das Silber nicht so schnell kaputt.“ „Danke, ihr habt mir sehr geholfen, wo geht es zur Oberfläche?“ Ein junger Elf deutete auf ein weißes Loch über dem Sand „Dort, aber die Luft kannst du nicht atmen. Ein lauter Knall hat alles vernichtet, was einmal da oben war.“ Der Schrecken stand mir ins Gesicht geschrieben. „Wo ist das Mädchen?“, stammelte ich. „Sie wurde heute Nacht gefunden, sie ist ertrunken, sie hat sich ertränkt, weil sie die Knallbringer gehört hat und ist aus Angst gesprungen, mit ihrem Teddy.“
Ich war schockiert über diese Vorkommnisse und schwamm völlig aufgelöst zu dem Loch, das in den Brunnen hoch führte. Je näher ich dem Loch kam, desto kälter wurde das Wasser um mich herum.
Die Elfe, die mit mir im Magen des Dämons saß hatte mir beigebracht, wie ich meinen Geist von meinem Körper lösen konnte, aber ich wusste nicht mehr genau, wie das geht.
Ich ließ mich auf den Boden sinken und atmete tief durch, ich war immernoch völlig nervös wegen der Situation, in die ich hinein gekommen war. Der einzige klare Gedanke, den ich fassen konnte, war, dass ich schnellstmöglich Serra finden müsse, aber die Erde nicht alleine lassen könnte. Höllische Kopfschmerzen trommelten auf meinen Schädel ein, deshalb schloss ich die Augen und legte mich hin. Der Sand war kühl, aber angenehm und plötzlich stand ich neben meinem Körper auf dem Boden. Ich musste mich bloß entspannen und an Nichts denken, um meinen Geist zu befreien. Also meine Kleidung sah schon etwas seltsam aus, wenn sie im Wasser war. Nasses Leder macht sich halt nicht gut mit roter Färbung. Um ehrlich zu sein, stand mir der ganze Aufzug auch nicht wirklich, aber praktisch war er schon.
Seltsamerweise hatte ich mich nicht zurück in meinen Körper bewegt, sondern stand immernoch hier. Bei meinen letzten Versuchen landete ich immer nach einem Gedanken sofort wieder in meinem Körper.
Mir fiel ein, dass der alte Mann in dem überwucherten Haus ja auch an der Oberfläche wohnte. Er hatte verlangt, dass ich eine Prüfung bestehe, um die Festplatte zu bekommen, aber wahrscheinlich existierte die komplette Oberwelt nicht mehr und ich war nun auf ewig in den Parallelwelten oder hier gefangen.

Neben mir riss das Wasser auf und ein kleiner, grüner Hase hüpfte aus dem Spalt zu mir. „Hey, Ryan, was machst du eigentlich in Atlantis?“ „Wer bist du?“ „Oh, sorry, ich bin’s Inesh. Einen Moment, das Kostüm wird langsam lästig mit dem süßen, weißen Puschelschwanz.“ Der Hase sprang zurück in den Spalt und eine Sekunde später stieg ein stattlicher Mann wieder heraus. „So, jetzt ist es besser, diese blöde Nase, ich kann immernoch nicht aufhören, zu zucken.“ „Also Inesh, was ist jetzt mit Atlantis, ist das hier etwa Atlantis, die verlorene Stadt im Ozean?“ „Jupp, das isse. Wolltet ihr nicht nach Eden?“ „Das Problem ist im Moment nur das „Wir“ und das „Eden“, denn Serra hängt immernoch irgendwo zwischen Midgard und hier fest.“ „Sie hängt fest?“ Er grinste über beide Backen: „Noch einen Moment, das haben wir gleich. Isaac, mach mal Serra lose, die hängt etwas zwischen Hier und Jetzt.“ Ich hörte nur ein scheußliches Quietschen und dann rief Isaac: „Sie is frei, aber ich weiß net, wo sie hin geht.“ „Dann lass sie fallen!“ „Jo, Chef.“ Mit einem ekelhaften Krachen brach ein Hebel von einer der Maschinen ab. „Nix passiert, sie dürfte gleich kommen.“
Ich drehte mich herum, sah meinen Körper immernoch im Sand liegen und entdeckte ein schwarzes Loch mitten im Wasser, durch das ich erst ein Handgelenk mit einem funkelnden Silberreif entdeckte und dann ein Stück eines nachtblauen Kleides.

Ein lebloser Körper fiel aus dem Loch und es schloss sich sofort wieder. Sie bewegte sich nicht, deshalb schwebte ich zu ihr. Die kleinen Elfen hatten sich um sie versammelt und machten Platz, als ich eintraf.
Es war nicht Serra, die hier lag, sondern ein anderes Mädchen, das mir aber auch sehr bekannt vor kam. Es hatte kurzes braunes Haar und eine Tätowierung auf der linken Schulter. Das Motiv zeigte eine in Gedanken versunkene Elfe, die auf einem Buch saß, aus dem ein Schatten heraus kam.
Ihr Brustkorb bewegte sich nicht und aus ihren Nasenlöchern kamen auch keine Bläschen, wie es bei mir der Fall war. Es schien als wäre sie tot. Mir lief es kalt den Rücken runter, bei der Vorstellung, dass sie tot sei. Wäre ich nicht in diesem hilflosen Geist gefangen, würde ich alles probieren, um sie zu beleben. „Inesh, komm her, das ist nicht Serra, und sie ist tot!“, schrie ich panisch in die Richtung, in der bis eben noch der Riss war, aber der Riss war verschwunden und mit ihm die Walküren. „Was ist denn los“ tönte eine Stimme vom Boden.
Das Mädchen hatte sich aufgerichtet und ihr Gesicht in meine Richtung gerichtet. Sie presste ihre Lider zusammen und kippte seitlich um.

Sie öffnete langsam die Augen. Ich erkannte keine Pupillen auf den Augäpfeln, und doch schaute sie mich an. Erschrocken wich ich zurück und ihr Blick folgte meinen Bewegungen.
Ein schwarzer Schimmer legte bewegte sich von den Seiten über das Auge und im nächsten Moment erkannte ich nur noch tiefe Schwärze anstatt der weißen Augen.
Sie blinzelte einmal und dann war die Färbung weg, aber da, wo die Pupillen sein sollten glänzte mich eine rote Netzhaut an, die einen Augenschlag später schwarz wurde. Vor meinen Augen wurde der Bereich um ihre Pupillen erst hellblau und dann feuerrot. Auf ihren roten Iren waren eigenartige Schlangenmuster abgezeichnet.

Im nächsten Moment lag ich auf dem sandigen Grund und rieb mir den Sand aus den Augen. Ich war wieder in meinem richtigen Körper, aber ich hatte tierische Kopfschmerzen, allerdings lag ich an einem Strand und nicht mehr in Atlantis. Das Meer ließ seine Wellen an meinen Beinen branden und vor mir befand sich ein riesiger Algenteppich. Wenige Meter neben mir ragten gigantische Korallen aus dem Grund, von deren Spitzen Wasser tropfte.
Auf dem Algenteppich glänzte Feuchtigkeit und ich entdeckte einige große, weiße und gelbliche Bälle, die sich unter der dichten Pflanzendecke leicht bewegten.
Für einen Moment war um mich herum alles dunkel und ein Schatten von der Größe eines Kleinflugzeuges zog sich über den Strand. Ich schaute auf und konnte meinen Augen kaum glauben: Es war eine Libelle, rund dreißig Meter lang und mit Flügeln, die nebeneinander gelegt ein halbes Fußballfeld bedecken konnten.

Ich stand auf und ging ein paar Schritte ins Wasser, sodass ich bis zu den Knöcheln im kühlen Nass war. In einer großen Entfernung konnte ich riesige Tiere sehen, die an Palmen grasten. Zwischen ihnen hindurch glitten manchmal übergroße Schlangenwesen und eines dieser Wesen fiel ein Tier an, das sofort zu Boden kippte und dort regungslos liegen blieb.
Die Korallen am Wasser verbargen mich vor diesen Ungetümen, also konnte ich mich ungestört hinter ihnen entlang schleichen und den Strand erkunden.
Als ich in die Nähe des toten Tieres kam, bemerkte ich, dass es sechs Beine besaß und die Schlangen, die sich über es hermachten eigentlich monströse Hundertfüßler waren. Dass der Käfer tot umkippte war kein Wunder, denn das Gift dieser Tiere war bereits in der normalen Größendimension von einigen Zentimeter großen Tieren sehr toxisch.
Hin und wieder kam ich an solchen weißen oder gelben Bällen vorbei, die teils aufgerissen waren. In einigen erkannte ich sogar Überreste von toten Insekten, was mich zu der Annahme verleitete, dass dies Eier waren.

Dies war also eine Welt, in der Insekten und andere Gliederfüßler riesige Ausmaße angenommen hatten und wahrscheinlich keine Säugetiere existierten. Wie sollten auch Säuger die Angriffe solcher riesigen Wesen überleben, die selbst gegen Radioaktive Strahlung weitaus immuner waren, als alles andere.
Eine leichte Erschütterung im Boden machte mir klar, dass sich mehrere Tiere auf mich zu bewegten und ich mich in Deckung begeben sollte, aber woher diese Wesen kamen, war mir nicht bewusst. Ich kletterte auf eine Koralle und beobachtete die Umgebung.

Außer wackelnden Riesenfarnen und Bäumen erkannte ich nichts, was auf Leben deutete, selbst der tote Käfer war schon in den Mägen der Hundertfüßler abtransportiert worden. Dann brach ein brauner Käfer durch das Unterholz, eine Zikade, wie ich an den langen Fühlern erkannte. Die Erde vibrierte immer stärker und aus der Koralle auf der ich saß kamen winzige Raupen gekrabbelt, einige davon dicht behaart. Ich versuchte, den fliehenden Raupen auszuweichen, aber einige liefen an mir hoch. Ein Holzstück auf der Koralle schien mir geeignet, um die Raupen weg zu wischen. Die ersten Raupen flogen in hohem Bogen auf den Strand, bis ich sah, wie Beine aus dem Stock kamen. Erschrocken warf ich ihn auf den Sand und beobachtete, wie der Stock sich aufrichtete und weg lief. Die Raupen kamen meinem Kopf immer näher und ich schnickte sie inzwischen mit den Händen weg.
Im Hintergrund war inzwischen der Strand zu einer braunen, lebenden Masse geworden und die Bäume schwankten hin und her, bis einer davon umkippte. Einige der Zikaden wurden darunter begraben, bis der Baum sich von selbst wieder aufrichtete.
Manche der Bäume machten es dem ersten nach und schließlich taten sich große Lücken in der Masse der Kakerlaken auf, doch es stürmten noch weitere aus dem Wald heraus, die die Verluste leicht wett machten.

Eine Schneise tat sich auf und ich erkannte einen riesigen, schlanken Körper hindurch rennen. Der Dreieckige grüne Kopf mit übergroßen Augen und gigantischen Kieferklauen schnappte nach der braunen Flut. Unter dem grazilen Körper des Tieres wurde die Masse nicht geringer. Endlich fiel mir der Name dieses Wesens ein: Es war eine Gottesanbeterin, allerdings von den Ausmaßen einer großen Turnhalle.

Ich vergaß völlig die Raupen, die inzwischen an meinem Hals angelangt waren und beobachtete mit offenem Mund das Geschehen. Einige Bäume setzten sich in Bewegung und hechteten mit großen Schritten an die Spitze der Zikadenhorde. Dort bildeten sie aus ihren Körpern einen Wall, der den ganzen Strand überragte. Die Kakerlaken krachten an die massive Chitin-Mauer und blieben liegen.
Der großen Gottesanbeterin folgten mehrere kleine und auf einer erkannte ich eine schwarze Gestalt, die sich am Hals fest hielt.
Normalerweise jagten diese Tiere nicht in Gruppen, sondern lebten bis auf die Zeit der Paarung komplett alleine. Vielleicht hatte diese Gestalt etwas mit dem seltsamen Verhalten der Insekten zu tun.
Eine Raupe kletterte in meinen Mund und verstopfte meine Luftröhre. Ich hustete mir die Seele aus dem Leib und krachte schließlich von der Koralle, als mir schwarz vor Augen wurde.

Ich spürte Finger an meinem Hals, und einen Moment später war die Raupe verschwunden. „Nimm meine Hand und halt dich fest an mir“ sagte eine ruhige Stimme „Du kannst die Augen wieder auf machen, die kleine Raupe wird dich doch nicht umgebracht haben, sie war nicht mal giftig.“
Eine Hand reichte nach meinem Arm und zog mich hoch. Ich öffnete die Augen und erkannte eine vermummte Person vor mir. Ihre Augen waren das einzige, was ich zwischen dem schwarzen Stoff erkennen konnte und diese waren nicht menschlicher Natur.

„Ich habe dich hier noch nie gesehen und du scheinst auch nicht vertraut zu sein mit diesen Kreaturen. Mein Stamm ist der letzte überlebende der nuklearen Katastrophen der vergangenen Jahre.“, sprach die weibliche Stimme. „Von welchem Volke seid ihr?“
Sie stieg auf ihr Reittier und zog ihre Kapuze vom Kopf. Grünes Haar glitt an ihren Schultern herunter bis zu ihrer Hüfte. „Man nennt mich Sariath, Hüterin der Nachtblüten. Vom Volk der Menschen stamme ich, allem Anschein nach genauso wie ihr. Mein Stamm besteht aus ganzen drei weiteren Überlebenden: Marhen, Khorthan und Nebuk.“ Eine kleine Pause trat in ihren Sätzen auf und sie gab einige Klicklaute von sich. Der Kopf des Insekts wendete sich zu mir und ich schaute genau in die ausdruckslosen Augen. „Kommt, steigt auf, sie wird euch nichts tun, sie ist einverstanden.“, sagte sie breit lächelnd unter ihren Gewändern hervor. Die Gottesanbeterin senkte langsam ihren Leib auf eine angenehme Höhe für mich.

Kaum hatte ich Halt gefunden lief das Tier auch schon in rasendem Tempo los und überwand die Mauer der anderen Fangschrecken mühelos. Einige Tropfen der Brandung brannten in meinen Augen und der Fahrtwind trieb mir Sariaths Haare ins Gesicht.
Wenige Augenblicke später hechteten wir durch einen riesigen Wald aus Pilzen größer als Häuser und dann erreichten wir ein Feld von Löwenzahn, die fliegenden Samen größer als die Mantis auf der wir ritten. „Hier ist Endstation, vorläufig.“, rief Sariath mir zu, als sie sich bereits zu Boden schwang, „Komm runter, da oben bist du nur Futter für die Saurier.“
Am Horizont, der von riesigen Bäumen gesäumt war, erkannte ich schon schattenhafte Abbildungen von riesigen Reptilien.
Ich stürzte mich zu Boden und landete weich auf einem Büschel Moos, aus dem plötzlich kleine Käfer entflohen.
„Hier herein.“, sie zeigte auf ein Tor aus Metall, das unter einem Strauch verborgen lag, „immer nach dir.“
Der Aufforderung folgte ich schneller als sie ausgesprochen hatte und schon stand ich vor dem schweren Tor aus blankem Stahl, das keine Klinken oder sonstige Öffnungsmechanismen besaß.
Ich wunderte mich „Kann es sein, dass man hier nicht rein kommt? Ich sehe nichts, womit man es öffnen kann. „Nicht immer so eindimensional, Ryan.“ „Woher wisst ihr meinen Namen?“ „Lange Geschichte, etwas zu lang um das jetzt hier draußen zu erklären. Du hattest in deiner Heimat schon oft mit solchen Türen zu tun, nur waren die niemals so groß.“
„Aber,“, weiter kam ich mit dem Satz nicht, als aus dem Stahl plötzlich Luft wurde und ich hindurch sehen konnte. Es ging einige Meter in einem Dämmerlicht von wenigen Lampen herab in einen Bunker, das Ende der Treppe konnte ich nicht erkennen.
„Nicht so ewig hier stehen bleiben, sonst bist du wirklich Saurierfutter. Ach übrigens, stört es dich, wenn ich dich Duze? Du kannst mich auch ruhig duzen, ich hab es eigentlich nicht so mit den Umgangsklauseln und so weiter.“ „Ja, äh, nein, ihr, äh, du kannst mich auch gerne duzen. Sonst komme ich mir so alt vor. Aber welche Saurier kann es denn in einer nuklear verseuchten Welt geben?“
„Naja, das kannst du dir schon fast selbst beantworten, es gibt keine Dinosaurier, aber wir nennen die monströsen, fleischfressenden Insekten hier Saurier, dazu gehört auch mein Liebling, das da draußen Wache steht. Außerdem nennen wir unsere Welt Chton, den griechischen Erdgöttern nach. Ein Planet, den ihr Erde nennt, das ist das hier, aber ohne menschliche Zivilisation kann man das nicht mehr Erde nennen.“
Wir betraten die finsteren Gänge und gingen die Treppen hinab, Sariath fuhr fort.
„Damals, als die nuklearen Unglücke passierten, das ist schon lange her, mindestens achthundert Jahre. Die Insekten sind wahre Monster geworden und wir Menschen, wir konnten uns nicht mehr halten in dieser unwirtlichen Welt. Wenige Stämme überlebten die Katastrophe durch die bis dahin weit voran geschrittene Genetik, dazu gehörtest auch du und ein Mädchen, aber ihr seid in Tanks gefangen, bis man eure Seelen wieder an eure Körper fesseln kann.“ „Soll das heißen, dass ich momentan in meiner eigenen Zukunft fest sitze? Das ist ziemlich verwirrend.“ Wir erreichten einen Treppenabsatz und ich konnte riesige Gänge erblicken, die mehrere Kilometer lang waren.
„Ich bin noch lange nicht fertig mein Guter. In letzter Zeit erwacht manchmal dein Körper zum Normalzustand und du schaust uns an, aber ich denke nicht, dass du uns erkennen kannst, dazu fehlen dir alle Erinnerungen an dein bisheriges Leben. Und wundere dich nicht, manchmal ertönen hier in den Gängen der unterirdischen Stadt, Atlantis, wie wir sie aus Spaß nennen, seltsame Geräusche. Auch sind hier schon oft Insekten eingedrungen und haben die anderen aus meinem Stamm getötet. Sei auf der Hut. Ich verlasse dich hier für einen gewissen Zeitraum und werde später wieder kehren. Dort hinten ist der Eingang zu dem Labor mit deinem Tank, wo das Mädchen ist, wissen wir nicht, es ist einst verschwunden, wahrscheinlich gefressen.“

Sie wies mir noch einmal mit dem Arm den Weg und ich machte mich auf die Socken, meinen Körper sehen, wie er dort ohne Leben vor sich hin schwimmt. Sariath selbst drehte sich um und stieg die Stufen wieder hinauf. Ich war vollkommen allein in diesem riesigen Komplex.
Etwa die Hälfte des Weges hatte ich geschafft, als ich plötzlich in einer schleimigen Pfütze stand und metallisches Klirren hinter mir einsetzte. Ich drehte mich um.
Ich sah nicht, was da auf mich zu kam, aber ein gutes Gefühl bei der Sache hatte ich keinesfalls.

Panik kroch in mir hoch, als ich Fühler spürte und ein leises Hecheln vernahm.
Ich war wie gelähmt und starrte in die riesigen Kieferklauen, die blitzschnell auf mich zu kamen.
Das Vieh packte mich und zerrte mich zu seinem Maul und in dem Moment zog mein Leben noch einmal an mir vorüber.

Die Zeit mit Serra, mein Aufenthalt in den Versuchsstätten von Terra, die Träume von Terra.
Etwas durchstach meinen Bauch, nicht schmerzhaft, vielmehr warm und wohlig.
Dann öffnete ich für ein letztes Mal meine Augen und sah eine hagere Gestalt mit einem Schwert aus etwas, das wie reine Energie aussah. Sie hatte mich durchstochen und der Hundertfüßler ließ mich los, um die andere Gestalt zu fangen. Ich blieb flach auf der Erde liegen und schmeckte den Schleim am Boden. Er war ätzend, so wie das Gift, das aus den Kieferklauen des Hundertfüßlers auf meine Hosen trief. Einen Moment später sah ich die hagere Gestalt wegrennen und schon spürte ich viele spitze Beine über mich hinwegrauschen.

In dem trüben Dämmerlicht konnte ich nicht mehr ausmachen, wer die Gestalt war, aber ich nahm an, dass es Marhen, Khorthan oder Nebuk gewesen sein mussten.
Ich richtete mich wieder auf und überquerte die Schleimpfütze schnell, ehe ich mich, nun weitaus vorsichtiger, wieder auf den Weg in das Labor machte.

Ständig hörte ich wieder Metall klirren, aber ich konnte nichts verdächtiges sehen, egal wie gut ich mich umschaute.

Endlich stand ich vor einem Metalltor, das in kleinen Sichtschlitzen Licht durch ließ. Auch dieses Tor besaß keinen Öffnungsmechanismus, den ich erkennen konnte.
Ich stellte mich davor und dachte alle Öffnungsformeln, die ich kannte, aber nichts regte sich.
Wieder ein Klirren, diesmal ganz nah. Plötzlich fuhren Röhren aus der Tür aus und Lichter leuchteten mir in die Augen. Ich sah nichts mehr, aber die Tür öffnete sich anscheinend. Langsam tastete ich mich vor, bis meine Augen wieder einigermaßen normal funktionierten.

Mitten in einem Labor stand ich und alles war grünlich beleuchtet. Zwei Tanks mit blauer Flüssigkeit und zwei mit grünem Inhalt standen an den Wänden, vor jedem einige Schaltertafeln. Ich trat näher an die Geräte heran und bemerkte dabei, dass ein Gang mit blauem Licht zwischen zwei Tanks entlang führte. Einen Blick warf ich noch zu meinem Körper der nackt in grüner Flüssigkeit schwamm und dann setzte ich mich in Bewegung, dem blauen Gang folgend.
Einige Minuten vergingen, bis ich in dem geraden Gang etwas außer blau glänzenden Metallwänden erkennen konnte. Es waren Nummern, mit schwarzer Farbe an die Wände geschmiert. Als ich zurück schaute, bemerkte ich, dass überall diese Nummern standen, auch schon an dem Zugang, den ich hier her nahm. Vielleicht war die Farbe nur sichtbar wenn man in einem bestimmten Winkel dazu stand.
Ich schaute weiter den Gang entlang, aber dort standen keine Zahlen mehr.

Irgendwann kam ich zu einem kleinen Durchgang, der in einen rot beleuchteten Raum führte und dort sah ich einen Mann, schlafend, den Kopf auf einer Tischplatte, wahrscheinlich einer der drei anderen, die das Unglück überlebt hatten. Ich dachte mir, dass ich ihn besser nicht wecken solle und mich erstmal weiter umschauen gehe, deshalb machte ich einen Schritt nach hinten und landete mit meinem Rücken an der Wand. Eigentlich war der Gang mindestens zwei Meter breit, aber jetzt schien er, als schrumpfe er zusammen. Vor mir ging eine Luke runter und verschloss mir den Weg in den roten Raum. Jetzt blieb mir nur noch rennen. Rennen oder zerquetscht werden. Das andere Ende war jetzt näher

Der Gang zog sich noch eine Ewigkeit hin und wurde immer schmaler. Inzwischen konnte ich mich nur noch seitwärts bewegen und stolperte vor mich hin, als mich plötzlich ein klebriger Faden am Arm berührte.
Ich schaute beide Seiten des Ganges ab, aber entdeckte nichts und dann wanderte mein Blick nach oben und...



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